Geburtsbericht von A,

Einen Tag vor dem Termin wachte ich um 5 Uhr früh auf. Normalerweise bin ich ein Morgenmuffel, aber jetzt war ich hellwach. Hatte das etwas zu bedeuten? Es war mein erstes Kind. Ich hatte zwar viele “Versionen” gelesen und gehört, aber letztlich konnte mir ja niemand sagen, wie es bei mir tatsächlich “losgehen” würde. Auf der Toilette fiel mir etwas auf – der Schleimpfropfen? Ich versuchte, nicht allzu aufgeregt zu sein, es konnte ja trotzdem noch Tage dauern… Am frühen Abend spürte ich die ersten Anzeichen von Wehen. Wieder mahnte ich mich zur Ruhe, die Eröffnungswehen können ja auch lang dauern. Ich brachte die Aufräum- und Sortierarbeit zu Ende, mit der ich den Tag verbracht hatte, während mein Mann ein Abendessen richtete. Ich überlegte, wie wir den Abend entspannend gestalten könnten. Lesen? Film anschauen? Doch versuchen zu schlafen?

Doch wenig später, beim Abendessen, waren die Wehen schon ziemlich deutlich. Wir begannen, auf die Uhr zu schauen und waren verwirrt: alle 3 – 6 Minuten. Was war aus den vielen Stunden Eröffnungsphase mit viel Pause geworden, von denen immer die Rede gewesen war? Sollte es etwa jetzt schon Zeit sein, ins Krankenhaus zu fahren? Wir konnten es nicht glauben (ich fand ausserdem, die Wehen waren noch nicht stark genug), machten es uns im Wohnzimmer gemütlich und warteten noch ein bisschen. Aber um etwa 9 am Abend, nach den ersten paar stärkeren Wehen, die ich schon sehr bewußt und nicht mehr ganz leise veratmen musste, war für mich klar: ich wollte hier raus, ins Krankenhaus. Aber zuerst rief ich dort an und beschrieb meinen Zustand - keinesfalls wollte ich dreimal in einem Auto sitzen! “Ja, kommen Sie zu uns”, hiess es am anderen Ende der Leitung.

Wir waren aufgeregt, und fühlten uns fast feierlich. Es geht los! Wir riefen ein Taxi und packten die letzten Sachen in die Krankenhaustasche: ein paar Müsliriegel, ein Kartenspiel (“man weiss ja nicht, wie lange man zwischendrin auf dieses oder jenes warten muß”, hatte es geheissen), und natürlich kam auch die Auto-Babyschale mit. Wir hatten eine ambulante Geburt geplant: wir wollten von Anfang an zu dritt sein, nicht nur zu Besuchszeiten (egal wie großzügig die waren) und möglichst wenig Zeit im Krankenhausambiente verbringen. Wir hatten eine nette Hebamme für die Nachbetreuung und waren auf das Wochenbett zuhause gut vorbereitet.

Im Taxi hatte ich das Gefühl, dass die Wehen etwas nachliessen – gut so, ich wollte niemanden nervös machen, schon gar nicht den, der mich durch den Stadtverkehr ins Krankenhaus fuhr. Dort angekommen, gleich nach dem Aussteigen gab es eine stärkere Wehe, die ich ans Taxi gelehnt überstand, dann musste ich mich übergeben. Die Taxifahrt war doch etwas schnell gewesen. Der Fahrer fragte, ob er jemanden holen solle. Ich verneinte, wir liessen ihn fahren und machten uns auf den Weg in die Geburtsabteilung. Die Wehen waren nun wieder voll da. Mehrere Male musste ich stehenbleiben, mich an der Wand abstützen, abwarten und atmen.

In der GA angekommen, wurden wir gleich in ein Aufnahmezimmer gebracht. Eine halbe Stunde CTG, erklärte uns die Hebamme, dann werde sie sich den Muttermund anschauen. Ich legte mich seitlich auf das Bett und bekam den Gurt angelegt. Die nächste Wehe kam, und war recht schmerzhaft. Die Seitenlage war nicht angenehm, lieber ware ich gestanden oder gekniet. Ich musste wohl aufs richtige Atmen vergessen haben denn die Hebamme sagte mir, ich solle mit ihr mitatmen. Das tat ich, und als ich wieder zur Ruhe gekommen war, liess sie uns alleine. Das CTG-Gerät zeigte zwei Zahlen: die Herzfrequenz des Kindes und die Wehenstärke. Letztere solle ich gar nicht beachten, es sage nicht viel aus, hatte die Hebamme gemeint. Leicht gesagt – eine Weile beobachtete ich doch die beiden Zahlen. Die Herzfrequenz war bei 140. Die rechte Zahl ging mit den Wehen hinauf und hinunter. Ich überlegte, was wohl die stärksten Regelschmerzen, an die ich mich erinnere, auf dieser Skala wären. 20? Vielleicht 30? Die nächste Wehe kam, die Zahl schoss auf über 80. Ich beschloss, den Rat der Hebamme zu beherzigen und nicht mehr darauf zu achten. Als die halbe Stunde um war, wurde ich untersucht. 4 cm! “Wir behalten Sie hier”, sagte die Hebamme, und meinte, wir müßten nur noch ein bisschen warten, bis ein Kreiszimmer frei werde. Dann liess sie uns wieder allein. Wir waren motiviert und zuversichtlich. 4 cm, das war fast die Hälfte, und so wie ich arbeitete, musste es ja zügig vorangehen, sagten wir uns.

Wir verbrachten wesentlich mehr Zeit in dem kleinen Aufnahmezimmer als wir uns gedacht hätten. Es war anscheinend sehr viel los, immer wieder sahen verschiedene Leute nach uns, erklärten mir, dass ich meine Sache gut mache, und versicherten uns, dass das Kreiszimmer bald frei sei, aber die meiste Zeit waren wir alleine. Anfangs konnte ich mich zwischen den Wehen noch entspannen – ich veratmete sie im Vierfüßlerstand am Bett und verbrachte die Pausen im Halbschlaf. Aber bald war es damit vorbei. Die Wehen wurden sehr intensiv und die Pausen sehr kurz, eine knappe Minute vielleicht. Zu mehr als durchatmen und einen Schluck Wasser trinken kam ich nicht. Gegen Mitternacht wurden wir etwas ungeduldig. Mein Mann wollte mich im Kreiszimmer sehen. Mir war das eher egal, ich wollte in erster Linie eine (!) Hebamme bei mir haben, die etwas mehr Zeit für mich hatte. Ich wollte wissen, wie weit ich war – intensive Wehen alle zwei Minuten, volle Konzentration aufs Atmen und wenig Pause: war ich etwa schon in der Übergangsphase?

Endlich, um eins in der Früh, wurden wir abgeholt und gingen in ein Kreiszimmer. Es war gut ausgestattet, mit Badewanne und allem Drum und Dran, aber ich hatte andere Sorgen. Die Wehen kamen im Minutentakt, manchmal sehr plötzlich, manchmal mit zwei “Spitzen”, manchmal zwei hintereinander ohne Pause, und auch wenn ich eine kurze Pause hatte, war ich nicht immer schmerzfrei, vor allem, wenn sich das Kind bewegte. Man fragte mich, ob ich schon pressen müsse. Ich konnte keine ordentliche Antwort geben und ich war mir auch nicht sicher. Ich musste mich zu hundert Prozent als aufs Weiteratmen während der Wehen und das Durchatmen dazwischen konzentrieren. Ich hatte mir nie vorstellen können, viel Lärm zu machen, oder gar zu schreien, aber jetzt verstand ich: es war einfach eine Erweiterung des bewussten Ausatmens, es ging ganz von selbst. In einer der wenigen richtigen Pausen fragte ich, wie weit ich war und was man tun könne, um mir etwas mehr Pause zu verschaffen. Die Hebamme – jetzt die tatsächlich für mich zuständige – redete von verschiedenen Entspannungsmethoden, aber zuerst müsse wieder ein CTG geschrieben werden, eine halbe Stunde lang. Seitlich hinlegen war unmöglich, bei jeder Wehe sprang ich wieder auf. Vorgebeugt stehen und anlehnen erschien mir als die einzige erträgliche Haltung. Mehrere Male versuchten wir, den CTG Gurt und Sensor im Stehen in Position zu halten, aber das funktionierte nicht wirklich. Irgendwann musste es gelungen sein, mich in den Vierfüßlerstand zu bringen und den CTG Gurt anzulegen. Die Aufzeichnung funktionierte endlich. Die nachfolgende Untersuchung des Muttermundes war ein Schlag ins Gesicht. Vielleicht 5 cm, kaum weiter als zuvor! Vier Stunden harte Arbeit für nichts?!

Ich war froh, als die Hebamme nun die PDA vorschlug. Sie meinte, bei 8 oder 9 cm würde sie mich zum Weitermachen ermutigen, aber nicht bei 5. Ich konnte mir meinerseits nicht vorstellen, noch viele weitere Stunden diese vielen intensiven Wehen zu verarbeiten. Ich war erschöpft und heiser, ich brauchte dringend eine Pause. Die Verabreichung der PDA ging sehr schnell: die Anästhesistin war innerhalb weniger Minuten da, ich bekam eine Infusion, dann eine örtliche Betäubung und schliesslich die eigentliche PDA. Der Stich ins Kreuz war angesichts der Wehen nebensächlich. Wie ich es schaffte, mich dafür hinzusetzen, einen runden Rücken zu machen, und stillzuhalten, weiss ich nicht mehr. Aber kurz nach der Verabreichung fühlte ich mich besser. Ich war zwar nicht schmerzfrei, und spürte immer noch einen unangenehmen, starken Druck, aber ich konnte mich seitlich hinlegen (wieder mit CTG-Gurt) und bekam von meiner Umgebung wieder mehr mit. Ich zitterte, die Hebamme deckte mich zu, und sagte, nun hätte ich erstmal eine Stunde Ruhe, ich solle mich ausrasten. Sie ließ uns allein, das CTG würde sie auch von aussen sehen. Ich versuchte, mich zu entspannen, schliesslich wartete nach der PDA-Pause wieder harte Arbeit auf mich…

Wenig später kam die Hebamme zurück. Sie wirkte besorgt. Die Herzfrequenz des Kindes war zu hoch. Wir schauten auf die Anzeige. Sie schwankte zwischen 160 und 180. Die Hebamme meinte, vielleicht sei auch der Kleine mit den vielen Wehen überfordert, auf jeden Fall war es ein Zeichen von Stress. Vorsichtig bereitete sie uns auf die mögliche Folge vor: wenn die Herzfrequenz so hoch bleibt, könnte es ein Kaiserschnitt werden. Sie erklärte uns den Ablauf: die PDA müsse nur noch “verstärkt” werden, dann würde ich in den OP verlegt, mein Mann könne mitkommen, und das Baby wäre in 20 Minuten da. Es sei keinesfalls sicher, es könne noch eine natürliche Geburt werden, aber sie wollte sicher gehen, dass wir auf die Möglichkeit vorbereitet waren. Jetzt müsse man jedenfalls abwarten und beobachten.

Ich weiss nicht mehr, wie lange wir warteten, eine halbe Stunde vielleicht, in jedem Fall blieb die Herzfrequenz zu hoch. Die Hebamme gab uns eine Alternative zum sofortigen Kaiserschnitt: man könnte das Blut des Babys untersuchen, mit einer Blutabnahme von seinem Kopf, durch den geöffneten Muttermund. Es klang spektakulär. Aber die Hebamme versicherte mir, es sei weder für mich noch das Baby schmerzhaft, und man könne dann sehen, ob es ihm wirklich schlecht gehe, oder man noch warten könne. Ich muss gestehen, dass die Aussicht auf sofortigen Kaiserschnitt verlockend war: mein Baby! In 20 Minuten! (Und: vorbei mit der Mühsal in 20 Minuten!) Auf der anderen Seite: So hatte ich mir das nicht vorgestellt! Ich musste der Sache noch eine Chance geben! Also stimmte ich der Untersuchung zu. Sie wurde von zwei Ärztinnen durchgeführt, war tatsächlich nur mäßig unangenehm, aber etwas langwieriger als gedacht, und, frustrierenderweise, ergebnislos.

Die Entscheidung zum Kaiserschnitt war dann schnell. Wir fragten noch einmal nach, versicherten uns, dass es keine vernünftige Alternative gab. Danach ging alles sehr rasch, aber darauf war ich ja schon vorbereitet. Ich erinnere mich nicht, wann und wie die PDA “verstärkt” wurde, aber ich verlor allmählich das Gefühl in den Beinen. Ich wurde in den Vorbereitungsraum gebracht, bekam dort Kompressionsstrümpfe angezogen und wurde auf den OP-Tisch gelegt. Ich war nun schmerzfrei und sogar zu ein bisschen small talk fähig. Im OP sah ich meinen Mann und die Hebamme wieder, beide in voller Montur mit grünem Mantel, Mundschutz und Haube. Ein Vorhang wurde zwischen mir und meinem Bauch aufgezogen. Dahinter stand ein Team von 4 Leuten. Mein Mann saß neben meinem Kopf. Man testete, ob ich wohl keinen Schmerz spürte, dann ging es los.

Vielleicht das Überraschendste an der Operation (ausser ihrer Kürze) war das viele Gerüttel, Geschiebe und Gedrücke - keineswegs das “sanfte Herausziehen” des Babys, das ich mir vielleicht vorgestellt hätte (viele Gedanken, wie sich ein Kaiserschnitt anfühlen könnte, hatte ich mir zuvor allerdings nicht gerade gemacht). Da ich Bewegung und Druck noch bis zu einem gewissen Grad spürte, merkte ich es auch genau, als das Baby meinen Körper verliess. Kurz darauf hörte ich sein Schreien. Jemand sagte die Uhrzeit. Und dann wurde er auch schon auf unsere Seite des Vorhanges gebracht, halb in ein Handtuch gewickelt. Ein kleines, energiegeladenes Wesen mit lauter Stimme, käsig-weisser Haut, darauf missfärbige Fruchtwasserreste.

Es war ein Gefühl der enormen Erleichterung, gemischt mit einem fast ungläubigen Staunen: das ist also unser Sohn! Das ist das Baby, das ich die letzten 9 Monate in mir herumgetragen habe! Er wurde kurz abgewischt und dann neben meinen Kopf gelegt. Mein Mann konnte ihn ganz sehen, ich sah aus nur dem Augenwinkel einen Teil seines Gesichtes (das nun rosig geworden war), aber hörte ihn laut und deutlich und spürte seinen Atem.

Nach der Operation wurde ich in ein Kontrollzimmer gebracht, nur für eine kurze Zeit, hiess es. Aus der kurzen Zeit wurden mehrere Stunden. Ob das an meiner Verfassung lag, oder an irgendeiner Krankenhauslogistik, weiss ich auch jetzt nicht zu 100%. Zumindest war ich im Kontrollzimmer zu müde, um auf irgendetwas zu pochen, ich schlief nach wenigen Minuten dort ein, noch während jemand mit mir redete, und meine Erinnerung an die restliche Zeit dort ist verschwommen. Unser neugeborener Sohn war in dieser Zeit bei meinem Mann und saugte an seinem Finger. In der Früh waren wir endlich wieder zusammen. Das Baby wurde nur mit Windel bekleidet auf meinen Bauch gelegt und saugte sofort an meiner Brust.

In den Tagen nach der Geburt bedauerten mich einige Leute im Gespräch um den Kaiserschnitt, und zwar oft weniger um den Eingriff selbst (dabei ist sich Erholen mit dem Neugeborenen nicht so einfach, und die vollständige Heilung zieht sich!), als um das nicht wunschgemässe Geburtserlebnis. Ich empfinde diese Mitleidsbekundungen etwas zwiespältig.
Zum einen: ja, ich musste den unerwarteten Verlauf ein bisschen verarbeiten. Meine Schwangerschaft war sehr unproblematisch verlaufen. Ich war so gut wie immer fit, viel unterwegs und sportlich aktiv, und auch bei den Untersuchungen hatte es immer geheissen: “Alles bestens”. Motiviert und von allen Seiten bestärkt hatte ich nie gezweifelt, dass mein Kind und ich eine natürliche Geburt weitgehend problemlos hinkriegen würden. Mit dem Kaiserschnitt hatte ich einfach nicht gerechnet, und dementsprechend “kiefelte” ich noch ein bisschen daran.
Zum anderen: man wird nicht für’s Geburtserlebnis schwanger, was man will ist ein gesundes Kind! Natürlich könnte ich lang und breit bedauern, dass die Geburt nicht entspannt, erfüllend, und interventionsfrei verlaufen war. Aber wie wäre es ohne Intervention gegangen? Horrorgeschichten aus Großmutter’s Zeiten gibt es zur Genüge. Zu keinem Zeitpunkt im Geburtsverlauf oder nachher hatte ich das Gefühl, dass eine Intervention unnötig gewesen sein könnte (ausserdem hatte das Krankenhaus eine niedrige Kaiserschnittrate), oder dass Entscheidungen über meinen Kopf hinweg getroffen worden wären. Und wenn ich meinen kerngesunden, lebhaften Kleinen ansehe, bedauere ich nichts, sondern bin glücklich.