Hausgeburt von Adrian


Adrian ist unser zweites Kind. Seine Schwester wurde Ende Juni 2010 geboren. Bei ihr brachen wir die Hausgeburt ab. Als ich im November 2011 wieder schwanger wurde, war von Anfang an klar, dass wir auch dieses Mal eine Hausgeburt machen wollten. Ich hatte mich schon bei der ersten Geburt daheim wohl gefühlt, also wieso jetzt eine Klinikgeburt?
Der Errechnete Geburtstermin fiel auf Mitte August und aus den bisherigen Erfahrungen wussten wir, dass die Auswahl an Hebammen im Sommer geringer als zu anderen Zeiten im Jahr ist. Wir mussten also schnell sein. Diesmal wollten wir eine junge Hebamme, in unserem Alter sollte sie sein. Nach nur kurzer Suche fanden wir in Karin unsere Hebamme.

Wie schon bei meiner Tochter verlief die Schwangerschaft ohne Probleme - der Bauch wurde halt immer größer. Vieles war ähnlich, manches aber ganz anders als beim ersten Mal. Vor allem war viel weniger Zeit da, sich mit der Schwangerschaft und dem Baby im Bauch zu beschäftigen. Andrerseits war da die herzliche Anteilnahme und Begeisterung eines Kleinkindes.

Als dann der kleine Mann in der 25. SSW schon in Schädellage lag, schien der Hausgeburt nichts mehr im Weg zu stehen.
Weit gefehlt: 4 Wochen später hatte es sich unser Sohn anders überlegt und in Beckenendlage (BEL) gedreht. Von allen Seiten (Frauenärztin, Karin, Mutter, Schwester, Freunden) kamen beruhigende Worte, dass er sich schon noch umdrehen werde. Ist ja noch viel Zeit bis zur Geburt und viel Platz im Bauch ... trotzdem blieben Zweifel. Wenn nicht, war es aus mit der Hausgeburt.
Die Wochen vergingen und unserem Sohn gefiel es in BEL. Indische Brücke, Moxen, gutes Zureden - nichts konnte ihn zum Umdrehen bewegen. Insgeheim begann ich mich mit einer Klinikgeburt abzufinden und war froh, dass ich mich zur Sicherheit im St.Josef-Krankenhaus angemeldet hatte. Wenigstens konnte man dort bei BEL spontan entbinden.
In der 37.SSW war Adrian noch immer in BEL, bei der US-Kontrolle im St. Josef war alles in Ordnung, ich bekam einen Termin in der BEL-Ambulanz. Und die niederschmetternde Information, dass in der Zeit des Errechneten Geburtstermins alle Ärzte, die spontane BEL-Geburten durchführen, auf Urlaub wären. Also vielleicht ein Kaiserschnitt?
3 Tage später (ein Freitag) trafen wir uns mit Karin, um unsere Lage zu besprechen. Sie riet uns zu einer Äußeren Wendung. Gehört hatte ich schon davon, darüber nachgedacht auch, aber nie in Betracht gezogen, da es mir zu schmerzhaft und unangenehm schien. Das Gespräch mit Karin ließ uns ernsthaft darüber nachdenken und uns dafür entscheiden. Gelänge die Äußere Wendung, könnte unser Sohn daheim zur Welt kommen, und die Wahrscheinlichkeit, dass die Wendung mit einem Kaiserschnitt endete lag deutlich niedriger als bei einer spontanen BEL-Geburt.
Danach ging es Schlag auf Schlag: Am darauffolgenden Montag Abend trafen wir den Arzt zum Beratungsgespräch, Mittwoch Früh in der Rudolfstiftung zur Äußeren Wendung.
Nach einem CTG und einer kleinen Dosis wehenlösender Infusion war es soweit. Dr. Adam fasste unseren Sohn an Steiß und Kopf und nach einer halben Minute lag unser Sohn in Schädellage. Anscheinend hatte der kleine Mann nur mehr einen kleinen Schubs gebraucht. Ich war überglücklich und erleichtert. Jetzt stand einer Hausgeburt wirklich nichts mehr im Weg.

Einen Tag vor dem Errechneten Geburtstermin bemerkte ich am Vormittag ein Ziehen im Bauch. Konnten das die ersten Wehen sein? Ich versuchte mich an die Wehen beim ersten Mal zu erinnern und beschloss einmal abzuwarten. Zur Sicherheit besorgte ich die letzten „wichtigen“ Dinge: Traubenzucker, Müsliriegel, Trockenobst.
Zu Mittag erzählte ich meinem Lebensgefährten, dass die Wehen wohl eingesetzt hätten, zwar sehr unregelmäßig und kurz, aber doch da. Den spontan verabredeten Spielplatzbesuch mit Freunden sagten wir ab und bauten stattdessen das Babybettauf. Die Wehen verschwanden fast am Nachmittag. Vielleicht würde unser Sohn doch nicht so bald geboren werden. Als ich unsere Tochter am Abend ins Bett brachte, kamen die Wehen in Anstände von 5 bis 8 Minuten.
Nach einer Dusche beförderte ich die „Hausgeburtskiste“ (wie ich sie nannte) ins Wohnzimmer und begann, die darin enthaltenen Dinge in der Wohnung zu verteilen.
Um halb 10 rief ich Karin an, um sie vorzuwarnen. Nach meinem Gefühl war es aber noch nicht so weit, dass sie sich auf den Weg machen müsste.
Die Wehen wurden stärker, als kurz nach 10 auch noch der Schleimpfropf abging, gaben wir meiner Mutter Bescheid, unsere Tochter abzuholen. Nachdem die beiden aufgebrochen waren, versuchte ich zu schlafen, gab aber nach einer halben Stunde auf. Stattdessen legte ich mich in die Badewanne, um besser entspannen zu können. So wie bei der ersten Geburt, begann mein Kreuz unerträglich zu schmerzen.
Kurz vor Mitternacht riefen wir wieder Karin an. Als sie eine dreiviertel Stunde später bei uns eintraf, kamen die Wehen schon alle 4 bis 5 min und der Muttermund war bis auf einen kleinen Saum verstrichen.
Während der nächsten Stunden: unseren Sohn den Rest des Weges gebären - im Stehen, im Knien, am Gebärhocker. Auf der einen Seite voller Energie und ohne einen Hauch von Müdigkeit, auf der anderen Seite geplagt vom schmerzenden Kreuz, das es schwer machte, die Wehen gut zu erkennen. Die Fruchtblase platzte während einer Wehe am Gebärhocker, unser Sohn rutschte ein gutes Stück hinab und der Drang zu pressen wurde stärker. Ich fühlte mich am Gebärhocker oder im Knien wohl, trotzdem ging irgendwie nichts weiter. Schlussendlich folgte ich dem Rat von Harald und legte mich hin. Der Schmerz im Kreuz verschwand, ich konnte den Beginn der Wehen wieder gut fühlen. Kurz darauf, um 4.30, wurde unser Sohn geboren.
Ich lehnte an den frischgebackenen Papa, Adrian lag auf meinem Bauch in ein warmes Handtuch eingewickelt - ein erstes Kennenlernen und Betrachten. Nach 5 min begann er meine Brustwarze zu suchen, fand sie und trank. Karin versorgte uns und räumte auf - Adrian trank. Harald machte Kaffee und verschickte die ersten SMS - Adrian trank. Unter Protest trennten wir Adrian nach 2 Stunden, um ihn endlich zu vermessen und zu wiegen. Ich ging endlich duschen - aber nicht zu lange: Adrian wollte weiter trinken.

Foto Adrian am Bauch seiner MutterAls Karin um halb 8 in der Früh heimfuhr, war er endlich satt und wir gingen zu dritt schlafen. Am Nachmittag brachte meine Mutter die große Schwester wieder nach Hause, Karin kam noch einige Male zur Nachbetreuung zu uns.

Adrians Geburt bei uns zu Hause, im Wohnzimmer, war ein überwältigendes Erlebnis und ich freue mich, dass Karin unsere Hebamme war.
Mein Schwager hat es beim ersten Besuch schön gesagt: „Eine Hausgeburt ist schon was G’mütliches, gell?“