Hausgeburt von Leonhard, 29. Oktober 2008

Schwangerschaft
Um zu erklären, wie sehr es mich gefreut hat, dass ich Leonhard zu Hause auf die Welt bringen konnte, muss ich etwas ausholen.

Im Frühjahr 2008 dachte ich, an Darmkrebs oder zumindest irgendeiner anderen schweren Erkrankung zu leiden. Ich habe das Internet mit meinen Symptomen durchforstet und eine „Diagnose“ war schlimmer als die andere. Etwas wuchs in meinem Bauch und dass es ein Kind wäre, der Gedanke kam mir nicht.

Mitte Juni, nach zahlreichen Besuchen beim Hausarzt, der eine Schilddrüsenerkrankung vermutete, und mich ansonsten in die Kategorie hysterische Hypochonderin eingereiht hatte, bekam ich Mitte Juni einen Termin für eine Unterbauchultraschalluntersuchung. Ich lag also da und wartete auf die Diagnose. Der Arzt schaute sich alles an auf seinem Bildschirm und deutete dann auf einen hellgrauen Fleck und sagte: „Ich weiß nicht, warum man Sie zu mir geschickt hat, für Ihren Zustand ist eh alles normal (Zustand?? Welcher??) und schauen Sie, da sieht man das Kopferl!“ Ich begann zu lachen. Damit hatte ich nicht gerechnet! Mit 43, nachdem ich schon Jahre zuvor den Kinderwunsch begraben hatte, war ich also schwanger, bereits 18 Wochen, um genau zu sein.

Dass die Schwangerschaft soweit fortgeschritten war, stellte sich als Glück heraus, denn dadurch ersparte ich mir viel an („wohlmeinenden“) Kommentaren, die meine Ängste nur geschürt hätten. Allerdings setzte der „Apparat“ trotzdem mit Wucht ein - plötzlich war ich Risikopatientin, ohne wirklich zu begreifen warum.
Kaum 10 Tage, nachdem ich von der Schwangerschaft erfahren hatte, hatte ich das deutliche Gefühl, erstens dumm zu sein („Wieso haben Sie nichts bemerkt??“ war noch die milde Version) und zweitens einfach nur mehr als medizinisches Risiko wahrgenommen zu werden. Eine Spontangeburt sei nicht möglich, aufgrund schon allein des Alters (…da haben Sie ja gar keine Kraft mehr dazu… O-Ton Internist).
Nachdem ich dann in der Semmelweisklinik zum zweiten Mal unterschrieben hatte, dass man mich über die mögliche Behinderung aufgeklärt habe, beschloss ich, die Klinik zu wechseln. Ich fühlte mich abgestempelt (und dazu mein Kind, das auf dem Bildschirm strampelt, beim Gespräch zu möglichen Behinderungen - ich war entsetzt. Wie gut, dass ich so lange nicht gewusst habe, dass ich schwanger war! Der Druck, invasive Untersuchungen machen zu lassen, war enorm).

Nach 6 Wochen einer ziemlich aufreibenden Suche nach einem Krankenhaus (da ich ja soweit fortgeschritten war in der Schwangerschaft, musste ich mir ständig anhören, ich hätte halt früher kommen sollen…) führte mich meine Suche nach Hilfe ins Nanaya, und von dort ins Hebammenzentrum. Ich wollte nicht vom „Apparat“ und vom Risikomanagement verschlungen werden. Ich war offen für alles, wusste aber nicht wirklich, welche Optionen ich dazu hatte.
Ende Juli, am Ende des Beratungsgesprächs mit Hebamme R., wusste ich: ich will mein Kind zu Hause gebären, und zwar mit Hilfe von R. Parallel dazu hatte ich die Anmeldung im Göttlichen Heiland.

Ich habe dann sehr rasch festgestellt, dass ich besser niemandem mehr von der Hausgeburt erzähle, da ich die durchwegs negativen Reaktionen von Freunden und Familie nicht leicht wegstecken konnte, und so wussten dann lediglich mein Mann und mein Bruder, dass wir es wirklich tun. Mein Mann war übrigens sofort dafür, da er selbst zu Hause zur Welt gekommen war.

Die letzten Wochen vor der Geburt vergingen wie im Flug, jede Woche kam R., ich habe mich immer riesig darauf gefreut und es so genossen, wie sehr sie sich warmherzig und kompetent um mich gekümmert hat. Dazwischen immer wieder Arzttermine, die mich verstörten.
Termin war errechnet für 9. November, aber da ich keine Perioden im eigentlichen Sinn hatte, sondern maximal alle 12 Monate eine Blutung, konnte nicht genau berechnet werden, wie weit ich denn sei. Ich und mein Mann waren aber recht sicher, es würde früher sein, eventuell schon Ende Oktober. R. lächelte dazu und meinte, es wäre normal, die Geburt herbeizusehnen.

Geburt
Am Dienstag, also 18 Tage vor der Geburt, war ich beim Ultraschall und der Arzt sagte, der Kopf ist schon im Becken, es könne sich nur mehr um ca. eine Woche handeln oder kürzer. Ich war überglücklich. Ich fing an zu kochen und die Tiefkühltruhe mit fertigen Portionen zu füllen. Ich war voll dem Nestbautrieb ausgeliefert!
Sonntagvormittag war ich dann plötzlich sicher - jetzt kommt es gleich! Ich wollte dringend heim, nur nicht irgendwo außer Haus von Wehen übermannt werden und dadurch doch im Krankenhaus landen. Aber es war nur Fehlalarm.
Montag war R. da für den wöchentlichen Besuch, und ich war damit beschäftigt, ihr zu sagen, was sie und Manfred tun sollten, wenn wir doch ins Spital gehen müssten oder das Baby ins Spital müsste.

Am Dienstagabend war Besuch da, ich kochte, und als der Besuch weg war und auch mein Mann (wir lebten damals noch in zwei Wohnungen) und ich wieder alleine war, legte ich mich in die Badewanne. Irgendwann war es mir zu kalt, und ich setzte mich auf die Couch vor den Fernseher, und so ab 22:00 fiel mir, auf wie regelmäßig dieses seltsame und unangenehme Zwicken im Bauch war. Ab etwa 23:00 war es alle paar Minuten. Die nächsten Stunden saß ich strickend vor dem Fernseher und starrte die Uhr an: es war regelmäßig! Alle paar Minuten. Ich war unschlüssig, ob ich meinen Mann anrufen sollte, oder R.? Jede Stunde dachte ich mir: noch eine Stunde, ich will ja niemanden umsonst aus dem Bett holen und Termin ist ja auch erst in 12 Tagen. Ich hockte auf der Couch und suchte mir die erträglichste Position, es war nicht schmerzhaft, aber auch nicht angenehm.
Um 4:30 rief ich meinen Mann an, er solle kommen. Er meinte nur: das ist wie am Sonntag, nichts dahinter, ich komme später.
Um 5:30 rief ich R. an. Sie meinte: sag deinem Mann, er soll jetzt zu Dir kommen und sich eng zu Dir legen - entweder werden die Wehen davon stärker, oder sie hören wieder auf.
Also rief ich ihn wieder an und er stieg stöhnend ins Taxi. Um 6 war er da. Bereits kurz zuvor hatte ich den Schleimpropfen verloren. Stolz hob ich die Waschschüssel auf, um sie ihm zu zeigen: ja, es geht los! Er meinte nur: grauslich, und schüttete es weg. Dabei hatte ich es R. zeigen wollen. Aber er legte sich zu mir und ich versuchte eine halbwegs angenehme Position zu finden, was aber nicht möglich war, ich drehte mich und wand mich im Bett, dann spürte ich irgendwann den Blasensprung. Er schaute mich an und sagte: was machen wir denn jetzt? Und ich: ruf R. an! Was er auch tat und kurz danach war sie da, ca. 8:30 oder so, und sagte mir, dass der Muttermund schon ganz weit auf ist, die Zentimeter weiß ich nicht mehr, und dass ich es gut gemacht hätte ganz alleine in der Nacht, das hat mich aufgebaut.

Und dann ging es Schlag auf Schlag. Ich hockte auf dem Bett oder stand im Vierfüßlerstand auf dem Bett, und dachte, wenn das jetzt 12 Stunden oder noch mehr so geht, schaffe ich es nicht. Der Schmerz war wie ein Schnellzug, der durch mich durchfuhr. Ich hatte keine Zeit, um zu überlegen, wie ich atmen sollte. Meine Erinnerung an diese Phase ist sehr unklar. Ich kann mich aber erinnern, ich habe kaum irgendein Geräusch gemacht, nur immer gemurmelt „komm heraus, Kindchen, ich will dich sehen“. Plötzlich hatte ich das deutliche Gefühl - entweder wir schaffen das jetzt oder wir sterben. Aber ich konnte kaum sprechen, und da war es toll, dass R. mich schon einige Zeit kannte und das Reden nicht brauchte, sie hat vorgeschlagen, ich solle mich vor das Bett hocken, und mein Mann hält mich unter den Achseln.

Sie sagte: leg den Finger hierher, da spürst du den Kopf. Ich war total überrascht, dass ich den Kopf spüren konnte - er war ja schon fast heraußen. Eine Mischung aus Panik und Freude erfasste mich und ich wusste irgendwie, jetzt ist das Kind gleich da. Plötzlich war ich besorgt, ob es dem Kind gut geht. R. hatte ein Gerät dabei, mit dem wir dann die Herztöne hören konnten. Das beruhigte mich wieder. Ich konnte allerdings kaum sprechen oder auch kein Geräusch machen und auch nicht nicken. Ich wusste nur, gleich ist er heraußen. Sie sagte, ich solle pressen, ich blieb stumm und war nur verwirrt. Ich presste ja schon.
Meinen Mann verließen die Kräfte, er sagte, er müsse aufs Klo. Und während er draußen war, kam unser Kind zur Welt! R. hielt die Hände auf und legte ihn auf ein Handtuch vor mich. Ich war sprachlos, so klein! Ich berührte ihn vorsichtig mit dem Finger. So winzig. Mein Mann half mir, mich wieder ins Bett zu legen und R. legte mir das Baby auf den Bauch. Dann schaute sie auf die Uhr: 12:15. Die Sonne schien herein. Ich selbst hatte schon lange davor jedes Zeitgefühl verloren. Das Baby schrie, wie mir schien, unglaublich laut und nach einigen Minuten sagte R., dass wir einen Sohn haben. Wir hatten immer gedacht, es würde ein Mädchen, der Ultraschall war nicht eindeutig gewesen.

R. meinte: „Und jetzt gleich die Plazenta, dann hast du deine Ruhe“, es half nichts, also nochmals arbeiten, aber es ging schnell. Ich schaute mir die Plazenta interessiert an - aber haben wollte ich sie nicht. Mein Mann hat die Nabelschnur durchschnitten.

Er  rief dann Dr. Marcovich an und die Verwandten. R. machte mir was zu essen, ein Nutellabrot wollte ich. Dann machte sie mein Bett frisch und räumte das blutige Zeug weg. Später kam dann Dr. Marcovich, und als sie kam, hatte Manfred sich gerade Leonhard auf den Bauch gelegt, weil ich gerade mit R. beim Duschen war. Sie fand das rührend, wie da der Papa im Geburtsbett liegt mit dem Baby auf dem Bauch, und es war tatsächlich ein schönes Bild.  Leonhard war gesund und alles mit ihm ist in Ordnung, auch jetzt über 4 Jahre danach.

Ich bin immer noch unendlich dankbar, dass R. uns die Hausgeburt ermöglicht hat. Ich denke nicht, dass ich im Spital - egal welchem - so schnell und unkompliziert gebären hätte können.

Luise Wascher, 4. Juli 2013