Rachitis natürlich vorbeugen - welche Möglichkeiten gibt es?

Kristina Hartmann

Entscheiden sich Eltern für eine individuell abgestimmte Rachitisvorsorge, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Wichtig ist die tägliche Bestrahlung der Neugeborenenhaut mit dem Licht des blauen, wolkenlosen Himmels.

Schlüsselwörter dieses Artikels:
Rachitis
Vitamin D
Mineralisation
Knochenaufbau
individuelle Vorsorge

Als Rachitis wird eine mangelnde Mineralisation der wachsenden Knochen bezeichnet. Das für den Aufbau einer gesunden Knochensubstanz notwendige Vitamin D wird nicht mit der Nahrung aufgenommen, sondern unter Einwirkung des Sonnenlichts gebildet. Muttermilch enthält deshalb nur wenig Vitamin D. Infolge eines Lichtmangels kann sich eine Rachitis entwickeln; gefährdet sind insbesondere Kinder im ersten Lebensjahr. Die Rachitis ist eine ernst zu nehmende Erkrankung: Aufgrund des Mangels an Vitamin D ist der Körper nicht in der Lage, die richtige Festigkeit und Form anzunehmen.

Das Knochengerüst von Neugeborenen ist wenig mineralisiert und die Knochen sind noch sehr biegsam. Erst im Lauf der ersten Lebensjahre
verfestigen sie sich zunehmend. Eine entscheidende Rolle spielt dabei Kalzium, ein Mineral, das aus dem Darm aufgenommen wird. Damit der Körper
ausreichend Kalzium aufnimmt, ist Vitamin D notwendig. Bei ausreichender Bestrahlung mit Sonnenlicht wird Vitamin D in der Haut gebildet; Leber und Nieren sind an der Synthese, Speicherung und Regelung des Blutspiegels beteiligt. Gerade in den ersten beiden Lebensjahren ist eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D wichtig, da intensive Knochenbildungsprozesse stattfinden: Das Kind lernt, sich körperlich aufzurichten. Die Knochen können jedoch nur den entsprechenden Halt geben, wenn sie die richtige Stabilität und Härte haben.
Eine Unterversorgung kann zur Ausbildung einer Vitamin-D-Mangel-Rachitis führen. Das betroffene Kind ist nicht in der Lage, dem Körper die notwendige Festigkeit und Form zu geben. Die Kontrolle des Kopfes, freies Laufen, die Aufnahme fester Nahrung und die Abwehr von Infekten ist erkrankten Kindern nicht mehr möglich. Die Mangelerscheinung kann zu Skelettverformungen, Brustkorbeinziehungen, einem platten Hinterkopf und zu Rückgratverkrümmungen führen. Viele Kliniken und Geburtshäuser empfehlen deshalb die ganzjährige Substitution mit täglich einer Vitamin-D-Tablette als sichere Rachitis-Prophylaxe. Üblich sind 400 bis 500 IE (Internationale Einheiten) des Vitamins pro Tag, bereits ab der zweiten Lebenswoche und unabhängig davon, ob das Kind gestillt wird oder nicht.
Zwar hängt die Vitamin-D-Konzentration in der Muttermilch davon ab, wie viel Vitamin D die Mutter durch Sonneneinstrahlung
bildet. Die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin nennt einen Vitamin-D-Gehalt in der Muttermilch von 12–60 IE pro Liter und empfiehlt eine Vitamin-D-Substitution auch für voll gestillte Kinder, da das Stillen den kindlichen Bedarf nicht deckt. Jedoch sind nicht alle Eltern bereit, ihrem Kind täglich eine Tablette als vorbeugende Maßnahme zu geben. Auch in der ganzheitlich orientierten Medizin wird die unreflektierte
Gabe von künstlich hergestelltem Vitamin D als problematisch angesehen. Die in Deutschland empfohlene Menge von 400 bis 500 Einheiten pro Tag entspricht der doppelten Menge des benötigten Bedarfs, den ein gesunder und ausgereifter Säugling hat, so die beiden Kinderärzte Vagedes und Soldner. Überschüssiges Vitamin D wird nicht ausgeschieden, sondern im Körper abgelagert. Eine Überdosierung birgt deshalb die Gefahr einer zu raschen und starken Mineralisierung bzw. Ablagerung im Knochen, aber auch in Muskeln, Sehnen und Gefäßen. Es findet somit ein vorzeitiger Alterungsprozess statt. Wissenschaftlich noch ungeklärt ist zumindest, ob ein vorzeitiges Verkalken von Organen ebenfalls Folge einer überhöhten Dosis an Vitamin D sein kann. Ein Hinweis darauf ist nach Auffassung von Vagedes und Soldner die Zunahme sklerosierender Erkrankungen und Gefäßverkalkungen in der zweiten Lebenshälfte.

Individuelle und natürliche Vorsorge ist möglich Hier erfolgt die Gabe von Vitamin D individuell, nach Jahreszeit und in Abstimmung mit dem Kinderarzt. Im Mittelpunkt steht das Anliegen, die körpereigene Bildung von Vitamin D optimal zu fördern. Denn die Bildung der Knochen und das selbstständige Aufrichten verleihen der Individualisierung des Körpers Ausdruck: Sie sind Leistungen der „Ich-Organisation“. Die tägliche Vitamin-D-Gabe als „künstliche“ Verknöcherungshilfe nimmt dem sich entwickelnden Kind eine wesentliche Gestaltungsaufgabe ab, argumentieren Kinderärzte mit ganzheitlichem Ansatz.
Der Körper kann Vitamin D, das für gesunde Knochen und Zähne unverzichtbar ist, auch selbst bilden: Es entsteht unter Einwirkung von Sonnenlicht. Durch die ultravioletten Strahlen wird Vitamin D in der Haut aus einer Vitamin-Vorstufe (Provitamin) gebildet. Um Kinder zuverlässig vor einer Rachitis-Erkrankung zu schützen, ist deshalb die tägliche Bestrahlung der Haut mit Tageslicht wichtig. Ausreichend dafür ist das Licht des blauen Himmels, das auf das unbedeckte
Gesicht bzw. die unbedeckte Stirn fällt. Vor Wind und direkter Sonneneinstrahlung geschützt sowie warm zugedeckt reicht etwa eine Stunde, damit der Körper soviel Vitamin D bildet, wie er für seinen individuellen Knochenaufbau braucht. Die Kinderärztin Michaela Glöckler empfiehlt, Neugeborene täglich 15 bis 30 Minuten dem Licht auszusetzen und die Zeit langsam auf zwei Stunden und länger zu steigern. „Diese Maßnahme ist … eine der wichtigsten im Säuglingsalter“, so Glöckler in der „Kindersprechstunde“. „Dank seiner besonderen Struktur wirkt das blaue Himmelslicht gestaltend. Neben der Muttermilch ist es der wichtigste Anreger einer gesunden Knochenbildung.“ So rät sie Müttern, zur Vorbeugung mindestens ein halbes Jahr oder länger zu stillen: „Gestillte Kinder bekommen selten eine Rachitis und nie eine schwere“, so Glöckler.
Soldner weist in seinem Buch „Individuelle Pädiatrie“ eindrücklich darauf hin, wie wichtig auch die seelische Wärme für die Rachitis-Prophylaxe ist. Liebevolle Zuwendung spendet inneres Licht: „Nehmen Sie sich die Zeit, das Kind anzustrahlen und mit ihm zu spielen“, rät auch Glöckler jungen Eltern.
Entscheiden sich Eltern, die Versorgung mit Vitamin D individuell zu gestalten, ist eine gründliche Aufklärung wichtig.
In Vorbereitungskursen zur Geburt können Hebammen Eltern für das Thema sensibilisieren und über Vor- und Nachteile einer Vitamin-D-Substitution bzw. einer individuellen Vorsorge informieren. Bei der regelmäßigen Untersuchung des Neugeborenen, die im Winter alle vier und im Sommer alle sechs Wochen notwendig ist, achtet der erfahrene Kinderarzt auf Frühsymptome und weist die Eltern auf eine eventuell notwendige Vitamin-D-Gabe hin. In Absprache
mit dem Kinderarzt können Eltern häufig auf eine Substitution verzichten. Alternativ ist denkbar, Vitamin D nur in besonders lichtarmen Jahreszeiten und bei erhöhtem Bedarf (zum Beispiel in Wachstumsphasen) zusätzlich zu geben. Diese Art der Rachitis-Prophylaxe ist für Eltern und den begleitenden Arzt aufwendiger als die routinemäßige Gabe von Vitamin D. Die Einhaltung der ärztlichen Untersuchungstermine ist jedoch zwingend notwendig.

Literatur:
Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen (Hrsg.): Stillen und Stillprobleme. 4. Aufl. Bonn 2010
Glöckler M., Goebel W.: Kindersprechstunde. Ein medizinisch-pädagogischer Ratgeber. 18. Aufl. Stuttgart: Urachhaus 2012
Harder U. et al: Wochenbettbetreuung in der Klinik und zu Hause. 3., überarb. Aufl. Stuttgart: Hippokrates 2011
Kroth C.: Stillen und Stillberatung. Wiesbaden: Ullstein Medical 1998
Längler A.: Rachitis- und Blutungsprophylaxe nach der Geburt - welche Alternativen gibt es? In: Weleda Hebammenforum 2009 (2): S. 39–41
Pfeiffer H., Drescher M., Hirte M.: Homöopathie in der Kinder- und Jugendmedizin. 2., überarb. u. erw. Aufl. München/Jena: Elsevier/Urban & Fischer 2007
Soldner G., Stellmann H.M.: Individuelle Pädiatrie. Leibliche, seelische und geistige Aspekte in Diagnostik und Beratung. 4., völlig neu bearb. u. erw. Aufl. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsges. 2011
Vagedes J., Soldner G.: Das Kindergesundheitsbuch. München: Gräfe und Unzer 2008
Wabitsch M., Koletzko B., Moß A.: Vitamin-D-Versorgung im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. In: Monatsschrift Kinderheilkunde 2011 (8): S. 766–774


Kristina Hartmann, Journalistin, ist seit 2009 verantwortliche Redakteurin für das Weleda Hebammenforum.