Über die Einfachheit und Mühen des Gebärens

Prof. Alfred Rockenschaub war 20 Jahre lang Leiter der Ignaz Semmelweis Frauenklinik in Wien und ein wichtiger Hebammenlehrer. Unter seiner Leitung betrug die Kaiserschnittrate 1,05% bei einer Säuglingssterblichkeitsrate, die signifikant unter dem Durchschnitt Wiens und Österreichs lag. Er ist der Autor des Buches „Gebären ohne Aberglaube: Fibel und Plädoyer für die Hebammenkunst“ und nach wie vor schriftstellerisch aktiv, zuletzt verfasste er eine Sammlung von 60 informativen und kritischen Essays.

31 Die Bewegungen der Gebärmutter

Am Ende der Schwangerschaft gleicht die Gebärmutter einem großen Ei. Geometrisch stellt sie ein Ellipsoid dar, dessen Durchmesser im Durchschnitt 24cm, 22cm und 18cm betragen. Daraus ergibt sich mathematisch ein Rauminhalt von rund 5000ml und eine innere Oberfläche von etwa 1400cm2. In der Gebärmutter befinden sich normalerweise das Kind mit rund 3.300ml, der Mutterkuchen samt Nabelschnur mit rund 700ml sowie rund 1000 ml Fruchtwasser. Daraus geht hervor, dass das Kind nicht, in Fruchtwasser schwimmt, sondern, wäre dieses auf die Oberfläche gleichmäßig verteilt, bestenfalls einen Fruchtwassermantel von 6-7mm bilden kann. Das Kind hat also einen sehr knapp bemessenen Bewegungsraum.
Die Geburt geht nun so vor sich, dass der obere Pol der Gebärmutter gleich hoch oben fest gehalten wird, Quer- und Tiefendurchmesser sich aber so verkürzen, dass sich das Ellipsoid mehr und mehr der Form eines Zylinders nähert. Daraus lässt sich nun folgendes errechnen: Wenn sich die Gebärmutter so enger stellt, dass sich ihre größten Weiten rundherum um nur Kleinfingerbreite verkürzen, wird ihr Raum um etwa einen Liter kleiner und ihr Inhalt um rund 13cm gestreckt. Mit anderen Worten: Durch diese einfache Engerstellung werden Kind und Fruchtsack so gestreckt, dass sich der vorliegende Kindesteil im Beckenausgang findet.
Streckung und Passage unterliegen der Steuerung durch den zu eröffnenden Muttermund und das Beckenzwerchfell. Am Ende der Schwangerschaft bildet der untere Abschnitt der Gebärmutter eine halbkugelige Mulde, in deren Pol der Gebärmutterhals eingefügt ist. Die Länge der Muldenwand samt der des Gebärmutterhalses beträgt etwa 8cm. Im Laufe der Geburt wird der Gebärmutterhals mit seiner 1.5cm dicken Wand und dem im Durchmesser rund 5mm haltenden Muttermund bis auf das zwanzigfache, nämlich auf  9-10cm erweitert und seine Wand in ein mm-dünnes Band umgestaltet. Die Wand der anfangs quer gestellten Mulde wird dabei einen längs gestellter Manschette umgestaltet.
Mit der Bildung dieses Zylinders gehen die Manschettenbildung des Beckenzwerchfells und die Entfaltung der Scheide einher. Die Scheide ist an ihrem oberen Ende muffenartig mit dem Gebärmutterhals in Form des Scheidengewölbes verbunden und an ihrem unteren Ende mit dem Beckenzwerchfell. Sie macht die Manschettenbildung des Gebärmutterhalses und Beckenzwerchfells fast widerstandslos mit, indem sie sich entfaltet.
Im Verlauf dieser Umschichtungen vom Trichter zur Manschette verschiebt sich der obere Rand des unteren Abschnitts der Gebärmutter bis zu 4 Querfinger über den oberen Rand der Schamfuge hinaus nach oben. Diese Verschiebung ist nun insofern leicht festzustellen, als der Übergang zwischen dem unteren und oberen Abschnitt der Gebärmutter in Form einer Furche deutlich tastbar ist. Vom Höhenstand der Furche ist auf die Weite  des Muttermundes und den Fortschritt der Geburt ebenso sicher zu schließen wie durch vaginale Untersuchungen. Die so bedenkenlosen vaginalen Untersuchungen, wie sie heute allgemein üblich sind, beruhen auf grober Indolenz und Unkenntnis.

32   Die Bewegungen des Kindes

Normalerweise liegt das Kind am natürlichen Schwangerschaftende zusammengekauert in Längslage in der Gebärmutter, hält die Arme vor der Brust verschränkt und Beine hockeartig gebeugt. Durch die Engerstellung der Gebärmutter während der Geburt wird der kindliche Körper in eine Zylinderform gebracht, im Fachjargon Fruchtwalze genannt. Deren Bildung ist aber nicht nur durch die Wehentätigkeit allein bedingt. Das Kind trägt gleichermaßen von sich aus zu dieser Haltung bei, indem es diese reflektorisch einnimmt. Dabei kommen die Hände der verschränkten Arme zwischen Kinn und Schulter der Gegenseite und die Unterschenkel der angezogenen Beine gekreuzt zu liegen.
Die Scheitel-Steiß-Länge der Fruchtwalze beträgt im Durchschnitt 36cm. Davon nehmen Kopf und Hals, Brustkorb und Arme, Steiß und Beine je ein Drittel ein. Der Durchmesser des Körpers beläuft sich durchwegs auf rund 10cm, der Umfang auf 35cm. Alle drei Abschnitte verfügen bezüglich ihrer Form und Haltung eine beträchtliche Anpassungsfähigkeit. Auch der Kopf ist noch verformbar, da die Schädelknochen noch nicht miteinander verwachsen sind. Die Verhältnisse von Druck und Spannung zwischen der Geburtsmanschette und dem Körper des Kindes sind bestens aufeinander abgestimmt, so dass dieses viel leichter, als es vielfach geschildert wird, durch die Geburtspassage zu schlüpfen vermag.
Im Prinzip verlaufen alle Geburten gleich, im Einzelnen alle voneinander verschieden. Es ist daher der größte Fehler, den man machen kann, den Geburtsvorgang zu schematisieren. Komplikationen, die gewöhnlich auf ein Steckenbleiben der Geburt zurückgeführt werden, entstehen nicht durch Fehler der Natur, sondern durch Missgriffe, wie sie im Buche stehen.
So ist die Steißlage wie die Kopflage eine ganz normale Längslage. Der Unterschied besteht nur darin, dass sich nicht der Kopf unten und das Gesäß oben, sondern umgekehrt das Gesäß unten und der Kopf oben finden. Vom mechanischen Aspekt ist die Steißlage der Kopflage gleichzusetzen. Der Nachteil der Steißlage liegt in zweierlei: Einerseits beruht die Steißlage unter anderem darauf, dass die kindlichen Stellreflexe und/oder Muskelspannkräfte, wie sie zur Wendung auf die Kopflage vonnöten sind, noch nicht ausgereift sind. Andererseits bietet die Steißlage Angelpunkte, die just jene verlocken an Gesäß und Beinen zu ziehen, die mit der Leitung einer Steißgeburt ganz offensichtlich überfordert sind.
Das Problem der Unreife der Stellreflexe und eventuell mangelhafter Muskelspannkraft im Zusammenhang mit einer Steißlage ist schon seit Jahrzehnten bekannt. Die Kinder können die Hockstellung nicht halten. Die Beine werden entweder hochgestellt und am Rumpf geschient oder fallen auf die verschiedene Art und Weise vor. In den Lehrbüchern der Expertisen des geburtsmedizinischen Establishments finden sich bis zu sieben Versionen von Steißlage, die man mit einer verwirrenden Fülle von Risiken ausgestattet hat. Selbstverständlich darf auch bei der Steißgeburt der nur per Kaiserschnitt zu behebende Sauerstoffmangelzustand in der Risikoliste nicht fehlen.
Was nun die Hilfen bei einer Steißlage betrifft, sind eine Menge Handgriffe beschrieben. Das Problem liegt jedoch nicht am Handgriff, sondern in der Person, die ihn anwendet. Die Entwicklung der Steißlage wird seit eh und je schulmäßig am Phantom geübt. Am Phantom sind die möglichen Hilfsgriffe aber nur so zu lehren und zu üben, wie sie nicht durchgeführt werden sollten. Wer es dann nun nicht versteht, sie einfühlsam zu modulieren, sondern mit aller Kraft phantomgemäß zu Werke geht, erzeugt jene üblen Komplikationen, derentwegen vielenorts das geburtsmedizinische Establishment die Steißlage an sich zur Anzeige für eine Kaiserschnittentbindung erklärte. So beschwört man denn heute bei Steißlage vielfach einen Kaiserschnitt. Dazu sei vermerkt, dass mit einer Kaiserschnittentbindung nur die gefährlichen Handgriffe operativer Dilettanten zu beheben sind, nicht jedoch die Fehlanlagen, durch die eine Steißlage bedingt sein kann.
Zweifellos wäre auch bei einer Steißlage eine natürliche Geburt für die Mutter wie auch das Kind weit vorteilhafter als eine Kaiserschnittentbindung. Da in den Kliniken aber kaum noch wer in der Lage ist zu lehren und zu zeigen, wie eine Steißlage zu assistieren ist, müssen heute die frei praktizierenden Hebammen insofern autodidaktisch Steißgeburten assistieren lernen, als ihnen im Notfall nichts anderes zu tun übrig bleibt. Diese Hebammen wissen jedoch nur zu gut, dass die Leitung der Steißlagengeburt am Phantom falsch gelehrt wird, nämlich so, wie sie just nicht geleitet werden soll und dürfte. So wie sie wissen, dass sich das Kind des Öfteren noch bei beginnenden Geburtswehen, eventuell unter deren Einfluss, in die Kopflage dreht.