Abstract:

Das CTG – „fundamentaler Wahrnehmungscode“ für den professionellen Blick auf die Geburt

Dipl.-Päd. Dorothea Tegethoff
Master of Health Administration Freie Universität Berlin

Im Rahmen des DFG-geförderten Forschungsprojektes „Repräsentationen und Praktiken von Geburt in Familien, geburtshilflichen Institutionen und Medien“ an der Freien Universität Berlin wurden in fünf geburtshilflichen Kliniken in Deutschland Gruppendiskussionen und Einzelinterviews mit Hebammen, Ärztinnen und Ärzten zu ihrem beruflichen Alltag durchgeführt und qualitativ ausgewertet. Im gleichen Zeitraum wurden in den Medien (v.a. Fernsehen und überregionale Zeitungen) Beiträge zum Thema Geburt gesammelt und analysiert.
In den Gesprächen zeigte sich, dass der Blick auf das CTG (Kardiotokogramm) ein „fundamentaler Wahrnehmungscode“ (Foucault 2002, S. 69) ist, der die professionelle Wahrnehmung der Geburt maßgeblich bestimmt. Klinikärzte und –hebammen bezeichnen übereinstimmend das CTG als das wichtigste und unverzichtbare technische Gerät in ihrer täglichen Arbeit. Dabei wird die Funktion und Wertigkeit des CTG durchaus unterschiedlich beurteilt. Das CTG erscheint, je nach Einschätzung, eher als Garant für eine „sichere“ als für eine „schöne“ Geburt, die vielfach als Gegensätze konstruiert werden. Die Bedeutung der CTG-Aufzeichnung wird auf dem Hintergrund der aktuellen Messdaten der Aufzeichnung, der Erfahrung der Akteure und von Durchschnittswerten situativ je neu verhandelt. Zugleich erscheint das CTG als der „institutionelle Blick“ (Foucault 2002, S. 103) auf die Geburt, der Eingriffe und Steuerung der Geburt ermöglicht und absichert.

In der Geburts-Docu-Soap „Geburtsstation“, die in einer Hamburger Klinik gedreht wurde, wird das CTG als unauffälliger technischer „Partizipand“ (Hirschauer 2004, S. 74) der Geburtsszene inszeniert. Dem Arzt, der im Dialog mit der Gebärenden zwischen Mitgefühl und professioneller Distanz lavieren muss, dient es auch hier als Legitimation und Archiv seines professionellen, institutionell  abgesicherten Handelns.

 

In der Docu-Soap gehört die Dramatisierung des Geschehens zum Spannungsaufbau zu den Kennzeichen des Genres. Auch hier werden damit die Wünsche der werdenden Eltern und zugleich ihre Hilflosigkeit der professionellen, durch technik-unterstützte Kompetenz des medizinischen Personals gegenübergestellt.

Literatur:
Foucault, Michel: Die Geburt der Klinik. Eine Archäologie des ärztlichen Blicks, Frankfurt a. M. 2002

Hirschauer, Stefan:  Praktiken und ihre Körper. Über materielle Partizipanden des Tuns. In: Hörning, Karl H./Reuter, Julia (Hg.): Doing Culture. Neue Positionen zum Verhältnis von Kultur und sozialer Praxis. Bielefeld 2004, S. 92-107

 

Lebenslauf:

Arbeitsbereich Anthropologie und Erziehung

Arnimalle 11
14195 Berlin
Tel.: (030) 838 - 55479
Fax: (030) 838 - 56698
E-Mail: dorothea.tegethoff@gmx.de

 

Curriculum Vitae
  • Ausbildung zur Hebamme in Paderborn
  • Weiterbildung zur Lehrerin für Hebammen in Berlin
  • Studium der Erziehungswissenschaft an der Freien Universität Berlin
  • 2004 Diplom
  • seit 2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Anthropologie und Erziehung, Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie an der Freien Universität Berlin; Mitarbeit im DFG-Projekt "Repräsentationen und Praktiken der Geburt in Familien, Institutionen der Geburtshilfe und Medien".
Forschungsschwerpunkte
  • qualitative Sozialforschung um die Familiengründungsphase
  • Visualisierung von Ungeborenen, familiensoziologische, medizinsoziologische und techniksoziologische Aspekte
  • dokumentarische Methode

 

Dissertationsprojekt

Konzeptionen von Ungeborenen und der Einfluss von Ultraschalluntersuchungen darauf

Publikationen
  • "Stillprobleme" (zus. mit Christine Geist), in: Geist, Christine/ Harder, Ulrike/ Stiefel, Andrea (Hg.): Hebammenkunde. Lehrbuch für Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Beruf, 4. Aufl., Stuttgart: Hippokrates, 2007.
  • "Geburt in der Klinik »…das hat viel mit Pädagogik zu tun…«", in: Wulf, Christoph et al.: Geburt in Familie, Klinik und Medien. Eine qualitative Untersuchung, Opladen/ Farmington Hills: Barbara Budrich, 2008, S. 145-163.
  • "Das Ungeborene sehen. Ultraschallbilder von ungeborenen Kindern im Unterhaltungsfernsehen", in: Wulf, Christoph et al.: Geburt in Familie, Klinik und Medien. Eine qualitative Untersuchung, Opladen/ Farmington Hills: Barbara Budrich, 2008, S. 187-205.
  • "Der professionelle Blick – zur Präsentation der Geburt in der Klinik und in den Medien" (zus. mit Birgit Althans), in: Wulf, Christoph/ Hänsch, Anja/ Brumlik, Micha (Hg.): Das Imaginäre der Geburt. Praktiken, Narrationen und Bilder, München: Wilhelm Fink, 2008, S. 250-269.

 

Lehrveranstaltungen
  • Sommersemester 2008: Hauptseminar "Bilder und Konzeptionen von Ungeborenen"
  • Wintersemester 2008/2009: Hauptseminar "Ratgeberliteratur rund um die Geburt eines Kindes"
  • Sommersemester 2009: "Bye bye FU, Schreibwerkstatt Diplomarbeit"