Abstract:

„Gebären in einer Konsumgesellschaft“


Dr. Phil. Gabriele Sorgo, Lehrbeauftragte an den Universitäten Wien, Innsbruck, Graz

Der Vortrag referiert die Ergebnisse einer Feldstudie in Wiener Gebäranstalten, die gezeigt hat, dass eine Geburt zwar nach wie vor nicht als risikoloses, unterhaltsames Erlebnis angeboten und konsumiert werden kann, dass aber viele Fakten darauf hin weisen, dass sie sich in eine Dienstleistung verwandelt hat. Denn das Konsumsystem prägt nicht nur die Lebensstile sondern tendiert dazu, auch das Gesundheitswesen und sämtliche körperlichen Belange des menschlichen Lebens zu erfassen.
Die Mütter gebären später als noch vor etwa drei Jahrzehnten, oft nur einmal im Leben, und müssen auf ihre eigene berufliche Situation sowie  auf jene des Kindsvaters Rücksicht nehmen. Ein fixer Geburtstermin kann diesbezüglich viel erleichtern.
Immer öfter sehen sich die Ärztinnen, Ärzte und Hebammen daher der Situation gegenüber, ein bestimmtes Produkt liefern, bestimmte Erwartungen erfüllen zu müssen. Die logische Konsequenz solcher Forderungen ist, dass die Verantwortlichen dazu neigen, sich bei den geringsten Problemen nicht auf die Frauen sondern auf die Technik zu verlassen.
Während Mütter auf das optimale Geburtserlebnis hoffen, streben die Mediziner eine perfekte Performance ihrer Kunst an und die Gesundheitsfonds wünschen sich ein günstiges Preis-Leistungsverhältnis. Diese unterschiedlichen Zielsetzungen geraten oft in Widerspruch. Die hohen Forderungen nach Sicherheit von Seiten der Gebärenden und die institutionellen und juristischen Sachzwänge engen jedenfalls den Rahmen für die persönliche Gestaltung stark ein.

Die Feldstudie legt die Vermutung nahe, dass Frauen das Gebären zunehmend den Experten und Expertinnen überlassen werden, es aber nicht mehr als eigene Kompetenz auffassen wollen.

 

Kurzbiographie:

Gabriele Sorgo, Dr. phil., Privatdozentin für Kulturgeschichte am Institut für Geschichte der Universität Wien, studierte Geschichte und Romanistik an der Universität Wien. Habilitation 2006 über die historisch-anthropologischen Grundlagen der europäischen  Konsumgesellschaft, seit 2009 Senior Lecturer am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaften der Universität Graz.
 Forschungsschwerpunkte: Körpergeschichte, Konsumanthropologie, religiöse Aspekte der Warenkultur, christliche Erotik, christliche Askese,.
Zahlreiche Forschungsaufenthalte in Frankreich, u. a. an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris. Zweijährige Lehrtätigkeit in Ungarn als Lektorin für Kulturgeschichte an der  Pädagogischen Hochschule in Szeged.
Seit 1989 zahlreiche Lehraufträge an den Universitäten Wien, Innsbruck und Graz an den Instituten für Geschichte, Soziologie und Erziehungswissenschaften, sowie am Institut für Interdisziplinäre Studien der Universität Klagenfurt.

Wichtigste Publikationen: 
Abendmahl in Teufels Küche. Über die Mysterien der Warenwelt (Wien: Styria 2006)
Askese und Konsum (Wien: Turia & Kant  2002, Herausgeberin)
Martyrium und Pornographie (Düsseldorf: Patmos 1997)

 

Adresse:
PD Mag. Dr. Gabriele Sorgo
Lerchengasse 24/13
1080 Wien

Tel. 0680-3061244