Vom „furor operativus" zur Entbindungstechnologie -
                                          wie finden wir wieder zur echten Hebammenkunst?


Foto Alfred RockenschaubVortrag von Dr. Alfred Rockenschaub 2007 in Berlin - als PDF downloaden

Furor operativus heißt zu Deutsch Operationswut/Operationswahn. Dieser Terminus tauchte mit der Überhandnahme der männlichen Entbindungstechnik anfangs des 18. Jahrhunderts auf. Seine geistigen Wurzeln gehen aber zurück bis ins auslaufende 15. Jahrhundert, also den Beginn der Neuzeit und die Zeit der großen Hexenverfolgungen. Die Männer traten da zwar noch nicht als große Operateure auf, legten aber fest, unter welchen Umständen eine Entbindung zu forcieren ist.

Was zu geschehen hatte, war aus dem so genannten Hexenhammer zu entnehmen. Dieser war ein vom Papst sanktionierter Kodex, der nicht nur in allen Ämtern aufzuliegen hatte, sondern auch allgemein so verbreitet war, dass er als einer der ersten Bestseller der damals noch sehr jungen Buchdruckerkunst bezeichnet werden kann. Laut Hexenhammer galt es sozusagen als „evidence based", dass der Teufel wirklich existiert und der ungetauften Seelen habhaft zu werden trachtete. Um dem drohenden Teufelsspuk zuvorzukommen, war das Kind baldigst zu entbinden - um es zu taufen. Ob es überlebte oder nicht, war weniger wichtig.

Einen Weg, das Kind zu taufen, bevor dessen Seele der Teufel holen konnte, sah man wohl darin, den Kopf baldigst heraufzubefördern. Wie nicht anders zu erwarten, führte dies schon damals vielfach zu der heute wieder so modernen Schulterdystokie. So hieß es denn auch auf Betreiben des Bischofs von Trier: Wenn bei einer Kreißenden das Kind nur mit dem Kopf geboren ist und die Geburt nicht beendet werden kann, soll baldigst eine Hebamme Wasser über den Kopf des Kindes gießen und die Taufformel sprechen. Ob des noch unbekannten Geschlechts des Kindes sollte die Hebamme nur sagen: Geschöpf Gottes, ich taufe Dich.

Das Taufen oblag ausdrücklich vereidigten Hebammen. Nicht ausdrücklich vereidigte Hebammen lebten gefährlich. Schneller als sie dachten, wurden sie verdächtigt, eine Geburt verpfuscht und im Bunde mit dem Teufel das Kind der Taufe entzogen zu haben. Ohne viel Federlesens wurden sie dann als Hexenammen gebrandmarkt. Und Hexenammen waren laut Hexenhammer unter allen Hexen die übelsten: ... von denen es eine so große Zahl gibt, wie man aus den Geständnissen erfahren hat, dass kein Dörfchen existiert, wo sich derartiges nicht findet. … Dieser Gefahr ist in jedem Fall von der Obrigkeit derart zu begegnen, dass ausdrücklich vereidigte Hebammen angestellt werden.
Im mütterlichen Todesfall musste das Kind zwecks Taufe durch Schnitt befreit werden. Nur, wann und unter welchen Kautelen war damals jemand tot? Zwischen tot und ganz tot schien ein gewisser Spielraum gegeben. So heißt es in der Württembergischen Hebammenordnung von 1480: Viele Mütter bitten sterbend, oder, wenn sie fühlen, dass sie sterben müssen, das Kind durch Schnitt zu befreien. Gab es den Wunschkaiserschnitt auch einstens schon? Und wie weit war davon der die kindliche Seele rettende Notkaiserschnitt an einer nur Scheintoten entfernt? Jedenfalls gab es Fälle, in denen während des Kaiserschnittes die Frauen von den Toten auferstanden sind - zumindest für kurze Zeit. Im Übrigen konnten sie sich, da mit den nötigen Sakramenten versehen, getrost aufs Jenseits freuen. Müttersterblichkeit war kein Maßstab.
Im 17. Jahrhundert drängten sich die Militärchirurgen ans Gebärbett. Sie dehnten den Muttermund, sobald dieser für einen Finger durchgängig war, gewaltsam so weit auf, bis sie die Füße wie immer denn zu fassen bekamen, und zogen das Kind an diesen dann mit brutaler Gewalt heraus. Die Methode kam aus Frankreich. Der Slogan hieß: Prenez les pieds et tirez l`enfant! (Pack die Füße und zieh das Kind heraus!).
Die so genannten gebildeten, über ihresgleichen sich erhaben dünkenden Hebammen taten dabei beflissen mit. Die in deutschen Landen bekannteste war die Justine Siegemundin.

Ab Mitte des 18. Jahrhundert kam die Zange ins Spiel. Ab jetzt wurden die Kinder in zunehmendem Maße direkt am Kopf herausgezogen. Die Zangenära dauerte von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis zur Mitte des 20. Jahrhundert. Doch dabei, das Kind am Kopf herauszuziehen, durften die Hebammen nicht mehr mittun. Die Zange wurde zum Statussymbol männlicher Geburtshilfe. Für eine Zangengeburt, so befand man, reichten die Körperkräfte einer Frau nicht aus. Solches hörte ich selbst noch in mancher Vorlesung in den frühen1940er Jahren in Berlin.
Was bei all diesen Entbindungen, sei es per Fuß oder Kopf, männlicher Kraft bedurfte, mögen die Überschriften von Kapiteln aus im 18. Jahrhundert gängigen Lehrbüchern erahnen lassen. Da hieß es zum Beispiel: Wenn der Kopf des Kindes von dem Leibe abgerissen, und einer der beyden in der Gebärmutter zurück geblieben wäre, wie solcher heraus zu bringen sey ... Oder: Von dem abgerissenen und zurückgebliebenen Kopfe. Solches ergibt sich, heißt es dann im Text, wenn der Geburtshelfer teils seine eigenen Kräfte nicht kennt, teils falsche Züge tut. Als die häufigsten Hindernisse werden angeführt: 1) Wenn der Ausgang des Beckens von einem Sitzbeine zu dem anderen etwas enger ist, und die etwas breiteren Schultern des Kindes nicht durchlässt; 2) wenn der Gebärmuttermund sich krampfhaft um den Hals zusammenzieht.

In der Bibliothek der gesamten medizinischen Wissenschaft von 1895 war man über das Abreißen der Köpfe zwar schon hinaus, aber im Kapitel über die Ruptur der Symphysen hebt man hervor: Das bedeutungsvollste Moment für die Entstehung der Beckendistorsion bildet die Zangenextraktion ... wird die Elevation der Zange zu zeitig oder zu forcirt ausgeführt, wirkt der Kopf als Keil und treibt die Schambeine auseinander.
Auch wenn man an den Teufelsspuk nicht mehr so ganz glaubte, brachte man noch bis zum Anfang des 20 Jahrhunderts zur Vorsicht vor der Extraktion für alle Fälle an das Kind Taufwasser heran. Aber Mitte des 20. Jahrhunderts wurden die Extraktionsmethoden schon etwas humaner. Man wartete mit der Extraktion in der Regel, bis der Muttermund weitgehend eröffnet war und hatte auch das eine oder andere Narkosemittel schon zur Hand. Aufgedehnt wurde der Muttermund nicht mehr mit den Fingern, sondern mit allerlei Dehnungsinstrumenten.
Mit den sozialen und hygienischen Errungenschaften der letzten 100 Jahre gingen die Mütter- und Säuglingssterblichkeit drastisch zurück. Mit den Fortschritten in Biologie und Hygiene, unter anderem der Erforschung der Antibiotika und Blutgruppen und den darauf beruhenden Fortschritten in der Infektionsbekämpfung und Bluttransfusion wurden die fatalen Risiken der Entbindungsoperationen wesentlich geringer - insbesondere auch die des Kaiserschnitts.

Da kam man 1966 auf der 36. Tagung der DGGG in München in einem „Rundtischgespräch über Neuordnung der Geburtshilfe" überein, die Müttersterblichkeit ob deren Nichtigkeit als Maßstab der geburtshilflichen Leistung für obsolet zu erklären. Zum neuen Maßstab wurde die kindliche Mortalität erkoren, worunter man, wie sich in der Praxis dann herausstellte, die gut manipulierbare, perinatale Mortalität verstand. Zudem erklärte man, dass die Geburt der gefährlichste Lebensmoment im menschlichen Leben sei und folglich der Medizin bedürfe. Fürderhin wäre demnach, so wie zwischen Midwifery und Obstetrics im Englischen, auch im Deutschen zwischen Geburtshilfe und Geburtsmedizin zu unterscheiden. - Nun war der Höhenflug der Kaiserschnittentbindung nicht mehr aufzuhalten.

Blenden wir nun zurück auf die Mentalität der Inquisition und uns ein in die der modernen Zeit von heute. Worin liegt denn eigentlich der große Unterschied? Oder sind sie einander etwa gar in gewissem Sinne ähnlich?
Das Teufelszenarium von einst und das geburtsmedizinische Risikoszenarium von heute?
Das bedrohte fetale Seelenheil von einst und die drohende fetale Asphyxie von heute?
Der Schnitt zur Befreiung des Kindes von einst und der elektive Kaiserschnitt von heute?
Die Nebensächlichkeit der mütterlichen Fährnisse von einst und heute?

Es ist eigenartig, wie sich die Bilder gleichen. Akzeptierten oder wünschten einst die Frauen eine Schnittentbindung aus Angst vor dem Risiko angeblich drohender Verdammnis ihres Kindes, tun sie es heute aus Angst vor dem Risiko anderer, dem Kind angeblich drohender Gefahren. Wenn man heute Frauen, die dem Geheiß der Geburtsmedizin nicht hörig sind, auch nicht foltern und verbrennen darf, so sind sie alles andere als vor Unbilden gefeit:
Der Vorstand der DGGG verstieg sich im April 1990 expressis verbis zu der Forderung: Zu prüfen ist ferner, in welchem Umfang sich das Verfügungsrecht der Mutter über ihre eigene Person auch auf das Kind erstrecken darf. Der Ordinarius für Geburtsmedizin in Wien meinte 1997: Es muss aber zumindest erlaubt sein, darüber nachzudenken, ob in Zukunft beispielsweise die Sectio so selbstverständlich sein wird, wie es heute bereits das Ersetzen eines Zahnes durch eine Jacketkrone ist.

In den USA wird anno 2004 (!) erwogen, ob eine Frau, die einen Kaiserschnitt abzulehnen wagte und einer deren Zwillinge verstarb, nicht wegen Mordes zu belangen sei.

Im Mai 2007 schrieb ein Gynäkologe und Medizinhistoriker: Im 21. Jahrhundert kann bei einem toten Kind gottlob ein Kaiserschnitt vorgenommen werden, um der Mutter (und dem Geburtshelfer) die Schrecken der Kindeszertrümmerung zu ersparen.

Prägnanter als durch diese vier Statements ist die Geisteshaltung des geburtsmedizinischen Establishments von heute kaum darzustellen: Das Verfügungsrecht der Frau über ihre eigene Person ist insofern zu prüfen, als ja ein Kaiserschnitt kaum mehr bedeutet als den Zahnersatz durch eine Jacketkrone. Und wenn sie sich weigert und das Kind ist tot, ist sie wegen Mordes zu belangen, denn ein Kaiserschnitt ist gottlob sogar bei totem Kind das Nonplusultra.

Nicht zuletzt erwähnenswert, obwohl es beide Seiten standhaft leugnen, ist der Zwiespalt der angestellten und frei praktizierenden Hebammen. Man wird unwillkürlich an die Zweiteilung der ausdrücklich vereidigten Hebammen und Hexenammen erinnert. Auch die Verfolgung der frei praktizierenden Hebammen durch die Juristerei, Medien und Politik macht zur Inquisition nur einen graduellen Unterschied.
Wenn auch verblümt durch das soziale Milieu der industrialisierten Welt von heute, kommen wir auf diese Weise geradezu nahtlos von der Mentalität der Inquisition zu der des modernen geburtsmedizinischen Establishments. Seine Methodik zielt auf nicht viel anderes ab, als die Frau systematisch in jene Angst zu treiben, die sie gegenüber dem modernen Furor operativus und allem Drum und Dran hilflos und gefügig macht. Man setzt dazu bedenkenlos Methoden ein, die alles andere als harmlos sind. Zur Rechtfertigung dieser Übergriffe auf die Gebärende bedient man sich immer der gleichen Alibis - verpackt in die bizarrsten verbalen Varianten. Auf einen einfachen Nenner gebracht, gehen alle dahin, dass das Abwarten des Verlaufs einer Spontangeburt insofern bedenklich sei, als der Geburtsfortschritt zu wünschen übrig ließe, da die Wehen zu schwach und/oder Kopf bzw. Schultern hinter den Schambeinen verkeilt wären und/oder das Kind einem bösen Sauerstoffmangelzustand unterliege.

Das klinische Management besteht ebenfalls in einer geradezu stereotypen Vorgangsweise: Das Programm beginnt mit der Gabe von so genannten Wehenmitteln mit einer Infusion von Oxytocin als Basis; und setzt sich fort mit einer PDA; Oxytocin und/oder PDA führen früher oder später zu jener Überwässerung, die jene zur fetalen Asphyxie verballhornten Symptome hervorruft, die laut Geburtsmedizin sogleich eine Entbindung nötig machen. Diese wird dann nach Zerschneidungen im abdominalen oder vaginalen Schambereich per Schub und Zug am Kind vollstreckt.

Wer nun die Alibis alias Indikationen und die modernen Entbindungskniffe unter die Lupe nimmt, hat nicht viel Mühe zu erkennen, dass Abwarten der Spontangeburt zumeist besser ist; das Kind an allem Möglichen Mangel leiden mag, jedoch kaum einmal an Sauerstoff; zurückgehaltene Köpfe (bei Beckenendlage) oder Schultern (Schulterdystokie) nicht verkeilt sind, sondern auf einer spasmischen Passagehemmung am nachfolgenden Kindesteil beruht, die auf rüdes und grobschlächtigen Hantieren am vorangehenden Kopf oder Rumpf (Beckenendlage) zurückzuführen ist.
Wer Hilfe bei der Geburt vom Aspekt hilfreicher Diagnose und Therapie betrachtet, hält die Geburtsmedizin alles andere als für Heil bringend, eher für pathogen. Bar jeden Gespürs für intuitives Erkennen und Handeln, basiert ihre Diagnose und Therapie auf orakelhaften Kurven digitaler Apparate und vorverlegten, den so genannten elektiven (Schnitt-)Entbindungen. Die medikamentösen und operativen Übergriffe führen zu einer groben Körperverletzung der Mutter und einem Handikap der Vitalität des Kindes. Ich wage die Geburtsmedizin als so etwas wie Beihilfe und Nötigung zur fahrlässigen Unterlassung des Gebärens zu betrachten.

Den Kern meiner Erfahrung bilden die 44 500 Geburten in den 21 Jahren 1965-1985 an der von mir geleiteten Semmelweis Frauenklinik in Wien. Bei einer kompromisslos als Probe aufs Exempel der Hebammengeburtshilfe angelegten wissenschaftlichen Studie kamen an der größten Gebärklinik der Stadt - bei einem Verhältnis der Kaiserschnittfrequenzen von 1:12 - eine signifikant unter dem Durchschnitt der Stadt liegende Mütter- und Säuglingssterblichkeit heraus. Dieser Erfolg war dem Geschick und Verständnis meiner Hebammen zuzuschreiben.

Wenn sich nun bei einer um mehr als das Zehnfache niedrigeren Kaiserschnittfrequenz eine um ein Drittel geringere Säuglingssterblichkeit ergibt, lässt dies fürs erste zwei Schlüsse zu: Entweder die Schnittentbindung an sich ist auch für das Kind riskanter als eine Geburt auf dem natürlichen Weg; und/oder die Entbindungstechnologie, die in zunehmendem Maße in eine Schnittentbindung mündet, beeinträchtigt die geburtsbedingte Umstellung maßgeblicher Schaltstellen im kindlichen Anpassungssystem. Einschlägige Studien der Evolutionsbiologie und Endokrinologie geben zu erkennen, dass das Gefüge von Anpassung und Abwehr erst durch die Wehentätigkeit die bestmögliche Balance erhält.

Damit ergibt sich die Frage: Bedeutet Gebären nicht eine zweite, eventuell ebenso wichtige Aufgabe wie die der Versetzung des Kindes vom intrauterinen ins extrauterine Milieu? Sind die Wehen etwa ein zwar quantitativ schwer fassbares, aber qualitativ elementares Moment eines Trainings der Anpassungs/Abwehrsysteme für den Wechsel vom wohlig schützenden Mutterleib in eine raue wechselvolle Welt? Wird mit der modernen Entbindungstechnologie die Anlage eines bestmöglichen Anpassungspotentials unwiederbringlich verwirkt? Ist die Zunahme der Disharmonie der Lebensvorgänge - von den Allergien bis zum Altersdiabetes im Kindesalter, von der Bulimie bis zum Burnout - wirklich nur der viel zitierten Umwelt zuzuschreiben? Die Zunahme verläuft mit dem Anstieg der Kaiserschnittrate in auffallender Weise parallel! Liegt die eigentliche Ursache der Misere eher im medikamentösen Insult und operativen Entzug der Wehentätigkeit und der damit einhergehenden Reduktion der Reifung und Adjustierung der Anpassungssysteme? Umweltinsult oder Entbindungshandicap?

Im Grunde wäre wohl fast alles, was von den männlichen Pionieren am Gebärbett entwickelt wurde, zu hinterfragen. Denn die Lehre von den Geburtsvorgängen beruht noch immer auf den Vorstellungen, die sich aus den wissenschaftlich getarnten Ausreden der alten und jungen Furor-operativus-Gilden ergeben haben. Offenbar passen sie aber allen in ihren Kram. Denn sie bilden die wissenschaftliche Basis auch bei den sich sanft gebärdenden Furor-Gegnern und finden sich stereotyp im Schrifttum der Hebammen von heute.
Wenn ich jetzt versuche darzustellen, wie moderne Hebammenkunst gestaltet werden sollte und könnte, fließt hier nicht zuletzt auch mancher Gedanke ein, der sich aus Diskussionen mit meiner Gattin über Didaktik betreffs Hebammenunterrichts ergeben haben. Meine Frau war Pädagogin und besaß meines Erachtens ein besonderes didaktisches Talent.

Wahre Hebammenkunst erfordert Wissen und Können. Sie erfordert außer wissenschaftlichen Kenntnissen die Kunst intuitiven Erfassens; sowie gewissenhaftes Nachdenken und Lernen, das heißt, Religion und Mathematik in der ursprünglichen Bedeutung dieser Begriffe. All dies wirksam zu gestalten, bedarf grundlegender Änderungen in Fortbildung und Lehre.
Ein Durchbruch zu echter Hebammenkunst bedarf radikalen Umdenkens und so komme ich zur ersten Leitlinie fortschrittlicher Hebammenkunst. Diese geht dahin, die Frau zu lehren, sich unter der Anleitung und Betreuung einer Hebamme selbst zu beobachten. Es geht um ein sich Kontrollieren, wie es gut betreute Patientinnen mit chronischen Leiden wie Diabetes und Kreislaufkrisen oder nach einer Organtransplantation zuweilen heute sogar schon soweit tun, dass sie die Wirkung der Standarddosierung ihrer Medikamente selbst überprüfen. Es wäre durchaus an der Zeit, dass auch die zumeist sehr gesunden Frauen „in anderen Umständen" trachteten, sich selbst zu testen, anstatt sich auf die vielfach eher hintergründigen als fachlich berechtigten Routinekontrollen von Ambulanzen und Praxisbetrieben zu verlassen.

Die Wichtigkeit der gewissenhaften Information der Leidenden über ihr Problem findet sich schon in dem - die alte Heilkunst betreffenden - Anfangskapitel des Corpus hippokraticum. Die nämlichen Gedanken - im Besonderen die Hebammenkunst betreffend - finden sich auch bei Johann Lukas Boer (1751-1835), dem ersten Leiter des 1789 eröffneten Gebärhauses in Wien, das ab 1834 als „Hebammenklinik" und ab 1942 als „Semmelweisklinik" weitergeführt wurde. Mathematik und gesunde Naturlehre waren für Boer die entscheidenden Grundlagen der Geburtshilfe, die stets den Leitstern für das therapeutische Handeln abgeben müssen. In seiner Antrittsrede bemerkte er dazu: Aberglaube und Vorurteil bildeten den Hemmschuh für die Entwicklung dieser Disziplin ... man hätte glauben sollen, die Natur habe ihr Geschäft der Gebärung aufgegeben und solches dem Werkzeuge des Geburtshelfers überlassen.

Mathematik steht für Lernen und kritische Erkenntnis, gesunde Naturlehre für Biologie und Hygiene im weitesten Sinn der Begriffe. Damit kommen wir zur zweiten Leitlinie für eine fortschrittliche Hebammenkunst: Sie erfordert, um die Frau „in anderen Umständen" optimal betreuen und an ihre von Natur gegebene Aufgabe heranführen zu können, solides Wissen über die Lebensvorgänge und Gesundheitspflege - von der Befruchtung bis zum Abstillen. In der Betreuung sollten Teilaspekte nicht übertrieben bewertet werden. Insbesondere gilt es, die hinsichtlich Hilfe eher bescheidene und oft sogar prekäre Einflussnahme der Geburtsmedizin herauszustellen.

Das Wichtigste wäre, an den Hebammenakademien, die Ausbildung und Fortbildung von Grund auf umzukrempeln. - eingedenk des vom so couragierten BHSD gewählten Slogans: Wer nicht kämpft, hat schon verloren!
Die Curricula statt auf akademische Bildung einzustellen, in Wissenschaftlichkeitsraster à la Fachhochschule zu verzetteln, wie es zurzeit den Anschein hat ,halte ich für dilettantenhaft. Oder will man etwa den Beruf der Hebamme als Kunst ad absurdem führen? Da schreibt zum Beispiel eine Magistra in der Österreichischen Hebammenzeitung über das Bild der Hebamme und über Lobbyarbeit am Beispiel der Hebammenausbildung in Fachhochschulen und meint:
(...) damit werde das wissenschaftliche, evidenzbasierte Arbeiten in der Hebammerei gesichert (...) Die FH- Ausbildung wird jedenfalls einen stärkeren wissenschaftlichen Touch haben...

Hebammerei mit wissenschaftlichem Touch! Treffender wäre wohl der intensive Drang der dominierenden Krankenhaushebammen zu so etwas wie entbindende technische Assistentin nicht zu apostrophieren - ETA analog der MTA. Können und Kunst, Gewissen und Gebären sind in dieser Gedankenwelt eben zu technifizierende Kategorien.

Was Wunder, wenn - auch in der BRD - das geburtsmedizinische Establishment mit seinem „Furor operativus" modernen technologischen Stils den Ton angibt. Sein Management bringt es mit sich, dass mehr als 90% der Kinder medikamentösen und/oder operativen Übergriffen anheimfallen. Diese Entwicklung ist lediglich aus geburtsmedizinischer Warte ein Gewinn. Demographische Studien dagegen zeigen, dass sich Säuglingssterblichkeit und Ärztedichte direkt proportional verhalten. Statistische Studien lassen die Geburtsmedizin als Triumph of Bluff erscheinen. Der Demograph Christian Köck meint: Es wird nirgends so viel gelogen wie in der Medizin. Die englische Statistikerin Marjorie Tew ergänzt es durch: Obstetrics is only an extreme Example. - Und sie sagen es zu Recht!

So sind in Österreich in den letzten zwei Jahrzehnten die Rate der Kaiserschnittentbindungen und die der vor der 38. Woche entbundenen Neugeborenen auf das Doppelte gestiegen. In der Dekade 1990-1999 waren dank der Verbesserung der Überlebensrate bei Frühgeburten rund 1600 Säuglingstodesfälle weniger zu verzeichnen, als es ohne solche der Fall gewesen wäre. Dem steht die Zunahme von rund 6300 so genannt sonderpädagogisch förderungsbedürftigen Grundschülern gegenüber. Die falsch positiven Risikodiagnosen als Kaiserschnittindikation sind anscheinend so häufig, dass mit der Verdoppelung der Kaiserschnitte eine Verdoppelung der zeitlich zu früh Geborenen resultiert. Und die Suchmethoden sind anscheinend so prekär, dass eine erkleckliche Anzahl der Probanden späterhin einer sonderpädagogischen Förderung bedarf. - Wer aber interessiert sich schon für derlei Zusammenhänge?

Während man so Unsummen vergeudet, um die Gebärenden in die klinische Entbindungsfalle zu locken, werden die Belange der Hebammenkunst missachtet und arrogant hintangestellt. Ohne Zweifel täte eine Wende Not! Wer aber will heutzutage überhaupt noch umdenken? Wer will umdenken von operativem Furor auf subtile biologische Betreuung? Inwieweit ist die gebärende Frau von heute bereit, sich zu wehren, wenn man das Verfügungsrecht über ihre eigene Person in Frage und den Kaiserschnitt mit einem Zahnersatz auf gleiche Stufe stellt? Inwieweit sind die frei praktizierenden Hebammen bereit, sich von den salutogenetischen, die Klinikhebammen von den geburtsmedizinischen Anwandlungen und Allüren frei zu machen? - Kurzum, inwieweit sind sie alle bereit, sich zu emanzipieren?

Die Zeichen für eine Wende stünden nicht nur dank der großen sozialen und hygienischen Fortschritte der letzten hundert Jahre günstig. Die Finanzierbarkeit der Gesundheitspolitik wird zunehmend zum Dilemma und punkto Fehlfinanzierung stellt die Geburtsmedizin ein extremes Beispiel dar. Der kostspielige moderne Operationswahn von heute ist wie der alte nicht die Folge von Versagern der Natur, sondern von Versagern der geburtsmedizinischen Programme, um die Natur diversen Bequemlichkeiten unterzuordnen. Dies zu finanzieren ist nicht nur vom budgetären, sondern auch vom gesundheitlichen Aspekt kontraproduktiv.

Wollte man eine fortschrittliche Geburtshilfe schaffen, ergäbe dies aller Wahrscheinlichkeit nach eine Ersparnis von einer Million Euro je tausend Neugeborene. Ein mit Bedachtsamkeit gestaltetes Standardmodell der Hausgeburt könnte sich als überlegenswertes Moment für eine Erneuerung erweisen und diese eventuell sogar als eine Art Vorspann für die Initiative einer gedeihlichen gesundheitspolitischen Reform. Allerdings, derzeit liegen solche Auspizien noch weit außerhalb des Fassungsvermögens der gestandenen gesundheitspolitischen Kapazitäten.
Hebammenkunst hat mit den sich sanft nennenden Alternativen ebenso wenig gemein wie mit Geburtsmedizin. Denn auf beiden Seiten ist man mit den natürlichen Geburtsvorgängen nicht vertraut und verzerrt sie, auf der einen Seite zu skurrilen Phantasmen und auf der anderen zu technologischen Phantomen.

Hebammenkunst heißt der Frau zu helfen, alle die wägbaren und unwägbaren Bedürfnisse des Gebärens erfüllen zu können. Daher bedeutet Hebammenkunst auch Widerstreit mit all den Sippschaften, die davon leben, dass sie ihren Interessen zweckdienliche Probleme schaffen. Beschneidungskult, Psychologismus, Medienmedizin und Juristerei erachten natürliches und einfaches Gebären als einfältige Marotte und so etwas wie eine fetale Folterung. Verpackt in die „evidence based" Wissenschaftlichkeit von heute, amtlich und politisch festgeschrieben, gerichtlich immer wieder sanktioniert, ist es nach wie vor im Schwange: das geistige „Flair" des Hexenhammers! Im postmodernen Outfit von Ultraschall bis elektivem Kaiserschnitt, prägt es den Furor operativus des geburtsmedizinischen Establishments von heute.
Wer dies erkennt und nicht müde wird, Wissen und Können über banale Wissenschaftlichkeit zu stellen und der Frau „in anderen Umständen" mit Umsicht und Verständnis beizustehen, ist unterwegs, zu echter Hebammenkunst zu finden.