Geburtsbericht von Monika

Von Geplantem und Ungeplantem…

Nach Vorträgen im Hebammenzentrum, Gesprächen mit Betroffenen, Büchern und Filmen zum Thema habe ich mich mit meinem Partner in der Schwangerschaft für eine Hausgeburt entschieden. Sylvia, eine erfahrene Hebamme aus unserer unmittelbaren Wohngegend in Wien Floridsdorf, hat uns auf dem Weg zu dieser Entscheidung begleitet und sollte uns bei der Geburt zu Hause und die Tage danach betreuen.
Wenige Wochen vor dem Geburtstermin mussten wir uns dann leider doch mit dem Gedanken anfreunden, im Krankenhaus zu entbinden, denn ein Befund war nicht ganz optimal ausgefallen. Wir stellten unsere Besorgungen für die Hausgeburt ein und waren froh, als Hebamme Sylvia zustimmte, uns ins Krankenhaus als Wahlhebamme zu begleiten.
Wir besuchten eine Geburtsvorbereitung, Vorträge zum Thema Geburt und mit Sylvia sprachen wir den Geburtsverlauf mehrfach durch. Besonders in Erinnerung geblieben sind uns die Schilderungen, wie lange eine Geburt dauern kann und, dass vor allem Erstgebärende oft viel zu früh ins Krankenhaus fahren und manchmal sogar wieder heimgeschickt werden. Um zu erkennen was eine Geburtswehe ist, hatten wir uns daher musterschülerhaft drei Merkmale notiert:
1.    Eine Geburtswehe dauert eine Minute, wesentlich kürzere Kontraktionen sind eher Senkwehen.
2.    Während einer Geburtswehe ist die Gebärmutter hart – wir notierten uns fälschlicherweise, es wäre nicht möglich, eine Delle in den Bauch (statt Gebärmutter) zu drücken.
3.    In der warmen Badewanne werden Geburtswehen stärker, Senkwehen eher schwächer.
Der Geburtstermin rückte näher und mein Partner Hannes ging auf „ein letztes Bier“ mit einem guten Freund. Ich war ziemlich erledigt und lag vor dem Fernseher. Ich spürte immer wieder ein Ziehen im Bauch. Ich kramte nach der Stoppuhr, die Hannes bereits vor unzähligen Wochen mit neuen Batterien versorgt hatte und stoppte und notierte ab etwa 20 Uhr die Zeit mit.

Das Ziehen dauerte kaum länger als 30-40 Sekunden, die Pausen 3-8 Minuten. Wehen? Eher nicht. Viel zu kurz. Viel zu schwach. Ich sah weiter fern.

Später ging ich in die Küche um mir etwas zu essen zu machen. Auf der Toilette bemerkte ich eine schwache Blutung und rief im Krankenhaus an, ob ich denn wegen der Blutungen ins Spital kommen sollte. Zur Antwort bekam ich, ich sollte kommen, wenn die Blutungen stärker würden oder die Fruchtblase platzt. Ich stellte den Herd wieder ab und hoffte mir dadurch vielleicht einen Einlauf zu ersparen. Nun rief ich auch Hannes an, er soll doch bitte nichts mehr trinken, vielleicht müsse er noch so nüchtern sein mich in der Nacht ins Krankenhaus zu fahren. Er sollte aber ruhig noch weiter aus bleiben, schließlich hätten wir noch viele, viele Stunden vor uns.
Hannes kam doch gleich einmal nach Hause. Ich versuchte mich während der noch leichten Wehen viel zu bewegen. Ging häufig auf die Toilette. Schrieb einer Freundin eine SMS: mit dem Radfahren morgen würde es nix mehr werden.
Die Schmerzen wurden stärker, aber nachdem die Wehen (?) unter einer Minute waren und Hannes immer wieder mal eine Delle in meinen Bauch drücken konnte ging ich um Mitternacht in die Badewanne. Ich wollte gerne schlafen und war der Meinung so die vermeintlichen Senkwehen abstellen oder zumindest abschwächen zu können.
Im Wasser wurden die Wehen weder stärker noch schwächer. Ich stieg aus der Badewanne und legte mich ins Bett. Hannes legte sich zu mir und döste zeitweise. Immer wieder haben wir die Länge der Wehen gemessen: immer unter einer Minute. Immer wieder hat Hannes in den Bauch eine Delle gedrückt. Also keine Geburtswehen, war unser Befund.
Um ½ 3 Uhr nachts kam ich mit den Wehen nicht mehr gut zurecht. Sie waren in der Zwischenzeit stark geworden. Auf der Toilette bemerkte ich, dass auch die Blutung ein wenig stärker geworden war. Wir überlegten was wir tun sollten. Aus Angst im Krankenhaus würden sie uns nur wieder heim schicken, riefen wir Sylvia an, ob sie denn zu einer Kontrolle zu uns kommen kann. Die Wehen waren zwar immer noch so kurz, aber ich brauchte ihre Unterstützung, fand keinen Umgang mit den Wehen.
Wenig später war Sylvia bei uns. Ich freute mich sehr sie zu sehen und begrüßte sie: „Sylvia, schön, dass du da bist. Ich weiß es kann nicht sein, aber ich habe einen Pressdrang“. Aus der Geburtsvorbereitung wusste ich – wieder musterschülerInnenhaft aufgepasst –  dass erst in der letzten Geburtsphase die Gebärende einen Pressdrang spürt. Sylvia stellte in gewohnter Ruhe ihre Tasche ab und meinte während sie die Handschuhe zur Untersuchung anzog: „Ja Monika, da hast du recht, das kann nicht sein“. Sie untersuchte mich und sagte überrascht „Oh doch, das kann sein. Der Muttermund ist vollkommen eröffnet. Wir fahren nirgends mehr hin – das Baby kommt JETZT“.
Nun muss alles schnell gehen: Hannes soll saugkräftige Unterlagen, Leintücher, große Mistsäcke, eine Taschenlampe und einen Behälter bringen. Hannes bringt Dinge und verschwindet wieder im Keller. Er findet die saugfähigen Unterlagen nicht – ich hatte sie verräumt nachdem wir die Hausgeburtspläne ad acta legen mussten. Während der Wehenpause eine Beschreibung zu liefern wo er im Kasten die Unterlagen findet, stellt mich vor neue, ungewohnte Herausforderungen.
Alle genannten Dinge sind zusammengetragen und nun wird alles in Ruhe bereitet. Ich erhalte einen wunderbaren Geburtsbereich. Eine Yoga Matte am Boden mit Unterlagen und Leintüchern. Kerzen werden als einzige Lichtquelle aufgestellt. Es riecht nach weißem Salbei den Hannes entzündet hat. Erst jetzt wird es Real: wir kriegen unser Kind!
Ich spüre die Obsorge von Sylvia. Sie nimmt die Geschehnisse sehr genau wahr, „beobachtet“ trotz Dunkelheit ganz gewissenhaft. Sylvia ist bei jeder Untersuchung so einfühlsam. Sie knipst die Taschenlampe an. Untersucht. Macht die Taschenlampe aus. Keine Festtagsbeleuchtung, keine Neonröhren – das war unsere Horrorvorstellung vom Krankenhaus.
Es ist vier Uhr und die Fruchtblase platzt. Es rinnt, rinnt, rinnt... Sylvia erkennt, dass etwas eigenartig ist und untersucht mich und beginnt folgenden Monolog: „Was spür ich da? Die Nabelschnur? Ist das die Hand? Es hat meinen Finger umklammert –es greift nach mir!“ Sylvia hat durch das Ablaufen des gesamten Fruchtwassers etwas Wesentliches erkannt: Nach dem Blasensprung ist nicht der Kopf nachgerutscht und hat erneut den Muttermund abgedichtet, sondern der Arm und die Nabelschnur unseres Kindes liegen vor dem Kopf. Sylvia schiebt unser Kind gekonnt ein Stück zurück und Arm und Nabelschur wird von ihr zur Seite geschoben. Nach der nächsten Wehe kontrolliert Sylvia und freut sich, dass es geklappt hat – der Kopf ist nun voran!
Doch mein Körper ist verständlicherweise irritiert. Da wird versucht ein Kind hinauszupressen und dann wird es wieder zurück geschoben. Die Wehen werden schwächer und seltener. Ich kann mich ein wenig erholen und glaube, ich bin in den Wehenpausen sogar kurz eingenickt. Wir besprechen, ob wir nun doch ins Krankenhaus fahren sollen, weil die Wehentätigkeit nicht wieder so richtig anspringen will.
Sylvia geht mit mir ins Bad während Hannes die Unterlagen erneuert. Ich werde kalt oder heiß abgeduscht – ich weiß es nicht mehr. Auch egal, denn es hat gewirkt. Die Wehentätigkeit beginnt wieder Fahrt aufzunehmen.
Ich bin wie in Trance. Hannes hat nun neben die Yogamatte noch eine Matratze gelegt. Auf diese lass ich mich in den Wehenpausen fallen. Kuschle mit Hannes, bevor es zur nächsten Wehe weiter geht. Sylvia rät uns von Zeit zu Zeit eine neue Position auszuprobieren. Sie geht auf uns ein. Sie beobachtet genau. Ist 100%ig fit. Während ich schreibe kommen mir die Tränen. Ein so toller Beruf. Eine so tolle Frau!
Sylvia weiß mich zu motivieren: die Fortschritte wären so toll, super mache ich das. Ich frage mich wo das Kind ist, was doch vor Stunden schon gleich da sein sollte. Werde ungeduldig und zweifle. Sylvia bleibt ruhig und gelassen, ist der Fels in der Brandung. Sie hat zurecht unser vollstes Vertrauen. Da sagt sie, das Köpfchen wäre zu sehen, ob Hannes schauen möchte. Er schaut, ist fasziniert und ich greife und spüre tatsächlich den Kopf unseres Kindes! Ein erhebender Moment. Ein Moment der nochmals Kraft gibt!
Die Wehen kommen unmittelbar aufeinanderfolgend. Es schmerzt und ich möchte endlich das Kind in die Arme nehmen. Ich presse bei einer Wehe noch stärker mit und nun ist es geschafft. Der Kopf ist geboren und der ganze Körper gleitet sofort in die Hände von Sylvia. Es schreit kräftig! Ich bekomme mein Kind in den Arm. Gleich wird die vorbereitete Decke über das Kleine und mich gelegt. Es darf bereits an der Brust nuckeln. Wie ein kleiner Gnom schaut es mich an. Ich bin überglücklich. Tränen laufen mir über die Wangen. Es ist da, unser Kind. Ich bin so dankbar für diesen Moment.
So bin ich vielleicht zehn Minuten oder länger gesessen. Hannes wird unruhig. Er möchte das Geschlecht wissen und lüftet die Decke. Aber da ist die Nabelschnur im Weg und Hebamme Sylvia muss helfen: ein Mädchen. „Waren diese schmerzhaften Tritte in der Schwangerschaft also von unserem kräftigen Mädchen!“ schießt es mir durch den Kopf. Wir überlegen welcher der zwei favorisierten Mädchennamen wir nun nehmen und sind uns sofort einig.
Erst jetzt bemerke ich, wie unbequem meine Hockposition ist in der ich mich seit der Geburt des Köpfchens befinde. Ich möchte Hannes das Baby geben, aber da die Plazenta noch nicht geboren ist, ist die Nabelschnur zu kurz. Ich bitte abzunabeln, damit ich Hannes unser Kind geben und ich mich anders hinsetzen kann. Sylvia bindet ab und Hannes durchtrennt die Nabelschnur gekonnt.
Die Plazentageburt hat dann noch ein wenig gedauert. Noch einige Male tief atmen, pressen und dann ist dies auch geschafft. Sie wird von Sylvia auf Vollständigkeit hin überprüft und alles für in Ordnung befunden.
Nachdem nun unser Kind auch mit dem Papa eine erste Kuscheleinheit machen durfte legt Sylvia sie mir zum Trinken an. Erst später wird sie gewogen und gemessen, das hat Zeit. Diese unwiederbringlichen Momente gehören jetzt einmal uns dreien. Wir können es noch nicht glauben, dass die Kleine da ist. Bestaunen das Kind. Trotz der kräftezehrenden Nacht ist an Schlaf für uns nicht zu denken. Wir sind berauscht. Ich weiß zu diesem Zeitpunkt bereits: wenn möglich möchte ich gerne nochmals eine Geburt erleben.

Wenige Stunden nach der Geburt teilen wir uns das Bett zu dritt

Anmerkung: Wir hatten unsere Hausgeburtspläne verworfen, weil mein Streptokokken-Befund positiv ausgefallen war und nach Aussage meines Gynäkologen es nötig wäre, während der Geburt ein Antibiotikum zu verabreichen, um das Baby vor einer äußerst seltenen, aber möglichen Infektion zu schützen. Nachdem es dann aber so geschah, dass wir nunmal nicht in ein Krankenhaus kamen, rief ich nach der Geburt - es war dann schon kurz nach 8 Uhr früh - bei einer Kinderärztin und im Krankenhaus an, was wir nun tun sollten bzw. was im Krankenhaus geschieht, wenn ein Kind so rasch kommt, dass für das Antibiotikum keine Zeit mehr bleibt. Beide rieten uns, auf Infektionsanzeichen in den nächsten Tagen zu achten. Die Ärztin aus der Klinik, in der ich eigentlich entbinden sollte, meinte sogar, sie würden im Krankenhaus schon wieder davon weggehen, bei jeder Geburt mit positivem Streptokokken-Befund ein Antibiotikum zu verabreichen.