Hausgeburt von Judith Leopold


18.12.2013, Brad Pitt feiert seinen 50er, haha, vielleicht kommt das Butzi heute, höre ich von einigen Seiten. Nö, alles ruhig, ich mache einen langen Spaziergang in der Kälte, bade am Abend warm. Danach stellen sich wieder die welligen Übungswehen, die so schön kribbeln, ein. Ich konzentriere mich auf meinen Bauch, das Baby darin. Doch halt, etwas ist heute anders, jetzt wird der Bauch regelmäßig hart. Hitchcocks „Marni" läuft im Fernseher und ich stoppe die Zeit und atme. Es fühlt sich alles gut an, kribbelig, nicht schmerzend. Soll sie jetzt losgehen, diese Geburt, auf die ich mich so lange vorbereitet habe? Mit täglichem meditativen Leinsamenkauen, Yoga, Atemübungen, einem kraftvollen Positive-Birth-Kurs, langen Spaziergängen und viel Bangen und Zittern, ob ich das denn so ganz natürlich schaffen könne. Werde ich jetzt bald mein Baby haben, so anders, als beim ersten Mal, als ich am OP-Tisch landete und mir danach gesagt wurde, ich solle besser keine Kinder mehr bekommen... Ja! Ich wecke meinen Mann leise, er ruft unsere Hebamme Margarete an und auch in der Badewanne bleiben die Kontraktionen schön regelmäßig, sie werden sogar intensiver. Schön, es tut sich was! Margarete kommt mitten in der Nacht, gut gelaunt, plaudert mit uns in unserem Badezimmer bei einem heißen Tee. Als ich der Wanne entsteige, platscht die Fruchtblase. Juhu! Zuerst geht viel weiter, dann stockt alles. Ich bin im Laufe der Nacht und dann des Vormittags immer wieder in der Wanne, kann mich bei Kerzenschein entspannen und wegnicken. Das gibt mir so viel Kraft für die vielen Stunden, die mir wie Minuten vorkommen. Ich fühle mich sicher, geborgen, zwischendurch ist mir einmal furchtbar schlecht, Margarete sieht voraus, dass ich dafür bald auf 10cm Muttermundsöffnung sein werde. Sie motiviert, lässt mich machen, überprüft zurückhaltend. Und als es dann nach Mittag ist, steht der Gebärhocker bereit; genau das Richtige für mich. Die Kontraktionen sind stark, nie zu stark, ich weiß, sie bringen mir mein Baby. Konzentriert atmen tut gut und mittlerweile töne ich laut und tief. Mein Mann sitzt hinter mir, ich kann mich an ihn lehnen, seine Hände leiten mir Kraft weiter, er feuert mich an: „Das, genau das, hast du dir immer gewünscht!" und so schiebe, presse, röhre ich noch ein bisschen und immer ein bisschen mehr, ich lasse los und um 15:37 ist er, unser Überraschungsbub, da. Mitten in unserem Wohnzimmer ist er auf die Welt gepurzelt, der gesunde, kleine Kerl, der 4550g wiegt und 55cm lang ist! Das schauen wir alle, so ein Brockerl, ein süßes. Ich bin umgeben von den besten Geburtshelfern. Da ist mein Mann, der mich so kraftvoll von Anfang der Schwangerschaft an unterstützt hat. Margarete, die wissende Hebamme, die mir einen wichtigen Teil von mir selbst zurück gegeben hat mit dieser selbstbestimmten Geburt... Sie hat immer an mich geglaubt und das ist alles wert in einer Welt, wo man als Gebärende bestenfalls so oft nur eine blasse Nummer ist, zwischen Zeitdruck und Sectioraten.
Foto Judith mit Baby nach der GeburtDie Plazenta gleitet sanft hinaus und die Nabelschnur darf lange auspulsieren. Ich schlafe überglücklich, stolz und dankbar ein an diesem Abend, ich habe das beste Geschenk zu Weihnachten schon bekommen. Wie schön unaufgeregt so eine Geburt sein kann und wie gut sich natürlich anfühlt! Paradoxerweise hatte ich dieses Mal, ganz ohne Schmerzmittel, viel weniger Schmerzen als nach meinem Kaiserschnitt noch viele Tage später. Weniger kann so viel mehr sein. Diese Geburtserfahrung stärkt mich für mein restliches Leben. Unser kleiner Zwuck hat zwar nicht am selben Tag Geburtstag wie Brad Pitt, aber ein derart charmantes Lächeln, das noch viele Angelinas verzücken wird...


Judith Leopold