Hausgeburt von A.


Meine zwei ersten Kinder, zur Zeit der dritten Geburt fünf und dreieinhalb Jahre alt, habe ich in einem kleinen Spital auf die Welt gebracht. Beide Geburten waren ambulant und sehr schöne Erlebnisse, für die ich dankbar bin. Vor der dritten Schwangerschaft habe ich mich immer wieder gefragt, wozu ich mir und meiner Familie den Stress machen soll, meine Wohnung zu verlassen, wenn es keinen medizinischen Grund gibt. Meine Hebamme von den ersten zwei Geburten, Isabella Wind, eine langjährige Freundin, war in Hausgeburten spezialisiert. Noch dazu haben meine Töchter angefangen, sich für Geburten zu interessieren, zuerst für Tier-, dann für Menschengeburten. Wir haben uns oft mit großer Begeisterung Geburtsvideos auf  YouTube angeschaut. „Das Video, wo die Mama zuerst schreit und dann sich freut“, sagte meine damals Vierjährige dazu.
Als ich dann zum dritten Mal schwanger geworden bin, war es fast naheliegend, dass es eine Hausgeburt wird. Ich habe mich in diversen Internetforen und auf YouTube über Geschwister bei der Geburt schlau gemacht (Tipp: Als Suchbegriff „home birth“ und „siblings“ eingeben, es gibt genug Frauen, vor allem Amerikanerinnen, die ihre Geburt filmen und hochladen). Ich war überzeugt, dass Kinder selber wissen, was sie überfordert, und sie selber entscheiden können, ob und wann sie sich zurückziehen. Man braucht ihnen nur vertrauen. Ich habe vorher nur sehr wenigen Leuten davon erzählt, damit sie uns nicht mit ihren eigenen Ängsten belasten.
Und so spüre ich an einem sonnigen Sonntag beim Aufwachen ein inzwischen vertrautes Ziehen im Unterleib. Ich gehe mit den Kindern spielen und nehme dabei für die Geburtsvorbereitung  günstige Positionen ein. Um sieben Uhr schicke ich Isabella und Annika, eine Hebammenstudentin, ein SMS, dass es heute losgehen könnte. Mein Mann macht ein richtiges Sonntagsfrühstück, während meine Töchter und ich das Bett für die Geburt vorbereiten. Dann schicke ich ein weiteres SMS: „Um 10 sind wir mit dem Frühstück fertig, dann kommt bitte“. Das Wetter ist nach vielen Wochen schön, und Isabella schlägt vor, spazieren zu gehen. Wir gehen zum nächsten Spielplatz, die Kinder backen in der Sandkiste Geburtstagstorten für das Baby und ich versuche, die Wehen wegzuatmen. Als ich mich bei meinem Mann an die Schulter hänge, kommentiert meine Fünfjährige: „Jetzt weiß ich, warum es Männer gibt!“. Als wir wieder zuhause sind, setze ich mich in die Badewanne zum Entspannen. Ab und zu kommen die Kinder vorbei und werfen Schiffe ins Wasser. Langsam haben alle außer mir Hunger. Ich höre Geschirr klappern. Ihnen geht es anscheinend gut, und mir auch. Inzwischen liege ich im Bett. Mein Mann legt sich zu mir, die Kinder spielen und plaudern mit den Hebammen im Wohnzimmer. Die Wehen werden jetzt stark und ich fange an zu schreien. In einer Pause legt sich meine Dreieinhalbjährige zu mir, sagt: „Ich habe die Mama lieb“ und schläft gleich ein. Also wollte sie die Wehen doch nicht erleben. Gut so. Mein Mann trägt sie ins Kinderzimmer.
Inzwischen hocken wir alle auf unserem Bett. Meine Fünfjährige macht mir Luft mit dem Fächer, den sie mir zum Muttertag gebastelt hatte. Bei jeder Wehe ruft sie begeistert: „Kommt jetzt der Kopf?“. „Es dauert noch“, sagen die Hebammen. Oje. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich bei den zwei ersten Geburten so viel geschrien habe. „Doch, doch, und viel mehr“, sagt mein Mann. Wirklich? Ich habe es total vergessen.
Inzwischen spüre ich einen starken Druck. Ich presse, spüre, dass etwas raus kommt, aber sobald die Wehen wieder weg sind, ist dieses Etwas auch nicht mehr da. Das passiert ein paar Male. Dann platzt auf einmal die Fruchtblase - Isabella hat sie geplatzt. Später erklärt sie mir, was los war: Das, was ich beim Pressen rauskommen spürte, war die Fruchtblase. (Vielleicht hat es mir Isabella schon damals erklärt, aber ich habe nicht zugehört). Jetzt steht nichts mehr im Weg, das Baby kann bei jedem Pressen da sein. Meine Tochter geht ihre Schwester aufwecken. „Lass sie doch schlafen“, sagt mein Mann, aber im Nu sind beide da, Händchen haltend. Die ältere setzt sich zu den Hebammen, die zweite legt sich zum Papa. An seiner anderen Seite bin ich und mache mich so rund wie ich nur kann. Ich presse und presse und dann kommt die große Erleichterung und ich höre ein kräftiges Babygeschrei. Ein Bub. Die Uhr zeigt 16:04. Bald beruhigt sich das kleine Menschlein und trinkt zufrieden. Die Schwestern erklären ihm die Welt: „Schau, da ist Mama, da ist Papa, da ist die Brust, da ist die große Schwester S., da ist die große Schwester J.“. Als sich die Hebammen verabschieden, sagen meine Töchter, wie richtige Gastgeberinnen: „Danke, dass Ihr da wart!“.