Geburtsbericht Zwillinge


An die Geburt meiner Zwillinge hab ich nur bruchstückhafte Erinnerungen, diese sind dafür nach wie vor sehr lebendig. Warum das so ist, weiß ich nicht. Dafür weiß ich, dass ich mir diese Erinnerungen lange bewahren möchte.

Begonnen hat alles ohnehin ein paar Monate früher... Wenn man mit Zwillingen schwanger ist, stellt man rasch fest, dass nicht jedes Krankenhaus vaginale Entbindungen anbietet, meistens ist Kaiserschnitt Usus. Mir war von Anfang an klar, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Kaiserschnitt höher als bei einer Einlingsgeburt war, und genauso klar war mir, dass ich eine vaginale Geburt wollte, wenn alles in Ordnung sein würde. Da ich ein recht pragmatischer Mensch bin und mir die ersten 14 Schwangerschaftswochen ständig stark übel war, hatte ich keine Lust, mir etliche Krankenhäuser anzuschauen, und die Entscheidung für das St. Josef-Krankenhaus war rasch getroffen.
Ähnlich rasche traf ich die Entscheidung für meine Hebamme: Sie schien zu wissen, wovon sie redet, sie erschien vernünftig und klar in ihren Aussagen; Dinge, die mir wichtig sind, wozu also mehrere anschauen (vor allem, wenn mit dieser Übelkeit jeder Weg eine Tortur war)?

Es gibt Frauen, die Schwangersein ganz wunderbar finden; zu denen gehörte ich nicht. Ich fand es zeitweise aufregend, zeitweise anstrengend, zeitweise freudig ruhig und zeitweise nervig.
Nachdem die Phase der Übelkeit endlich vorbei war, begann eine Zeit, in der es mir gut ging, doch diese Zeit dauerte nicht allzu lange, da ich ab der 27. Schwangerschaftswoche aufgrund frühzeitiger Wehen liegen musste; somit bin ich, inklusive zweier stationärer Krankenhausaufenthalte, sehr viel gelegen. Ich glaube, ich habe noch nie im Leben vorher so sehr eine Anweisung befolgt. Meine Erinnerungen an diese Zeit sind einerseits Angst und Zweifel, dass den Butzerln etwas passieren würde, und andererseits ganz viel Ruhe und das starke Gefühl, für diese Kinder alles zu tun. Und ich bekam eine Menge unnötiger Tipps und Ratschläge („Genieße die Zeit noch!“, „Wenn es doch ein Kaiserschnitt wird, ist in Wirklichkeit dein Mann der Arme, weil Du dann nichts heben darfst und er noch mehr machen muss“ etc.). Die Erinnerung an diese Zeit besteht außerdem aus zig-mal CTG schreiben, und ich weiß, dass ich zu dieser Zeit das erste Mal stolz auf meine Kinder war, da sie das CTG-Schreiben einige Male boykottierten, indem sie nicht still genug hielten. Dann hatte ich das Gefühl, dass die beiden die ständigen Untersuchungen genauso satt hatten wie ich.
Ich lernte in dieser Zeit jeden zusätzlichen Tag, den die Kinder im Bauch waren, als Gewinn zu sehen, und meine Kinder blieben und blieben. Endlich war der Tag erreicht, ab dem die beiden kommen „durften“, doch die Zeitspanne war kurz, denn ab der 38. Schwangerschaftswoche wird bei Zwillingen die Geburt eingeleitet; somit hatten meine zwei Lauser eine Woche Zeit, um sich ohne zusätzlichen Anstupser auf den Weg zu machen. Meine Kinder aber sind kluge Kinder: sie durchschauten, dass so ein Rundumservice wie im Bauch außerhalb wahrscheinlich nicht mehr möglich sein würde und beschlossen zu bleiben; der ausgemachte Termin für die Geburtseinleitung kam näher und näher. Ich ersehnte den Tag immer mehr, nicht weil ich mich auf die Geburt freute, auch nicht, weil ich mich schon so unendlich auf die Kinder freute (Kinder haben kam mir bis zum letzten Tag der Schwangerschaft irgendwie unrealistisch vor), sondern hauptsächlich, weil ich nicht mehr schwanger sein wollte. Mit dem dicken Bauch konnte ich nicht mehr schlafen, mich nicht so bewegen, wie ich wollte, nicht lange sitzen... ich fand alles einfach nur mehr mühsam. Gleichzeitig konnte ich mir nicht vorstellen, eine Geburt zu schaffen: Mein Mann und ich hatten keinen Geburtsvorbereitungskurs besucht, ich war in keiner Schwangerschaftsgymnastik, ja überhaupt: Ich hatte aufgrund des ständigen Liegens so wenig Kraft, wie sollte ich da zwei Kinder auf die Welt bringen? Und gleichzeitig war neben der Unsicherheit eine Zuversicht: Ich war nicht die erste Frau, die Kinder auf die Welt brachte.

Zum vereinbarten Termin mussten mein Mann und ich um acht Uhr in der Früh im Krankenhaus sein, in der Nacht davor schlief ich ohnehin kaum. Manchmal erinnere ich mich an Nebensächlichkeiten und nicht so sehr an die wichtigen Dinge, so zum Beispiel erinnere ich mich daran, dass es in der Nacht bei uns reingeregnet hatte und wir im Vorraum Kübeln aufstellten, bevor wir losfuhren.
Im Spital angekommen, war meine Hebamme bereits da und es erfolgten die üblichen Untersuchungen. Das wehenauslösende Mittel wurde mir verabreicht und daraufhin sollten mein Mann und ich spazieren gehen, und das ist wieder so eine Erinnerung: Spaziergänge rund um das St. Josef-Krankenhaus. Kalt und nass war es und wir marschierten, doch es passierte nichts. Am Nachmittag wurde mir ein zweites Mal das Mittel verabreicht, und wir marschierten wieder, zunächst um das Krankenhaus herum und später im Krankenhaus leere Stiegenaufgänge auf und ab. Jetzt weiß ich, dass es in Krankenhäusern zeitig still ist und die Gänge leer sind. Wieder passierte nichts. Es wurde beschlossen, dass meine Hebamme nach Hause fahren sollte und sie gerufen werden würde, falls doch noch Wehen einsetzen sollten. Mir wurde mitgeteilt, dass wir noch eine Stunde warten würden und dann, wenn nichts passieren sollte, mein Mann nach Hause fahren und ich die Nacht im Spital verbringen sollte. Möglicherweise war diese Information der springende Punkt: Ich ärgerte mich: „Wir marschieren einen ganzen Tag lang auf und ab und jetzt soll ich in einer Stunde Wehen produzieren? Wie stellen die sich das vor? Die sollen mir mehr Zeit geben!“ Ich wollte nicht mehr schwanger sein und ich wollte keine weitere Nacht mit dickem Bauch im Krankenhaus verbringen! Ich schimpfte im Kreißsaal und bekam Schmerzen. Ich schimpfte mehr, ich schimpfte, dass ich endlich die Geburt wollte und ich schimpfte darüber, dass die Schmerzen immer stärker wurden. Ich bekam Durchfall und die Wehen wurden stärker. So ging das eine Stunde lang und von da an beginnen die Erinnerungen, etwas Filmhaftes zu bekommen. Meine Hebamme wurde angerufen, in meiner Erinnerung war sie innerhalb weniger Minuten bei uns (was aber nicht möglich war), und darüber war ich erleichtert. Für mich war das ein Signal, dass es nun kein zurück mehr gab, auch wenn das ohnehin schon vorher klar war. Die Schmerzen wurden immer stärker. Es müssen die ärgsten Schmerzen meines Lebens gewesen sein, sonst hätte ich nicht so geschrieen. Meinem Mann war ich dankbar, weil er mir einfach regelmäßig etwas zum Trinken gab, ich war so durstig. Meiner Hebamme war ich dankbar, weil sie auf meine Flüche, dass es so furchtbar weh täte, einfach nur „ich weiß“ antwortete, und wenn ich meinte: „Ich hör auf!“ antwortete sie: „Nein, Du machst weiter.“ Ich schrie und ich fluchte, ich schwor, nach dieser Geburt ins Kloster zu gehen, und fragte, wo denn eigentlich diese Wehenpausen seien, über die in den Büchern geschrieben stehe.
 
Es war so schrecklich heiß, und ich hatte fürchterlichen Durst. Meine Hebamme gab mir regelmäßig Globuli, wofür oder wogegen weiß ich bis heute nicht. Ich vertraute ihr unsagbar, und es ist mir ein Rätsel, wie sehr man in so einer Situation jemandem vertrauen kann, den man in Wirklichkeit kaum kennt. Eine Erinnerung ist, dass sie und mein Mann mich stützten, weil ich keine Kraft mehr hatte. Und ich erinnere mich an den Moment, an dem sich die Schmerzen anders anspürten: Ich durfte pressen! Leider durfte ich nicht lange in aufrechter Position bleiben, ich musste meine Kinder im Liegen gebären; diese Information hatte ich allerdings vorab bekommen. Im Liegen war alles schwieriger und anstrengender, aber Wahl hatte ich schon lange keine mehr. Immer wieder zitterten meine Beine unkontrollierbar.
Außerdem hatte sich der Raum mit mehren Ärzten und einer weiteren Hebamme gefüllt, das war mir alles egal. Ich erinnere mich, dass eine Ärztin auf meine Idee, ins Kloster zu gehen, sinngemäß antwortete, dass ich das schon tun könne und dass hinter dem Krankenhaus auch gleich ein Kloster sei, aber erst mal sollte ich die Geburt zu Ende bringen. Ich war ihr dankbar für ihren Humor. Und so presste ich weiter.
Irgendwann durfte ich den Kopf meines Sohnes fühlen, das war jedoch eher enttäuschend, ich fand, dass er noch weit in mir drin war. Und so presste ich weiter. Irgendwann wurde für einen Dammschnitt entschieden, mir war alles Recht. Ich durfte wieder fühlen, und diesmal war der Kopf viel näher. Ein Punkt, an dem ich noch einmal meine Kraft und meine Motivation bündelte und presste, und plötzlich war er geboren. Ich habe gehört und gelesen, dass Mütter es als den schönsten Moment in ihrem Leben beschrieben als sie das erste Mal ihr Kind auf der Brust liegen hatten. Bei mir war das nicht so. Mein Sohn wurde sofort dem Kinderarzt übergeben, und ich war erleichtert darüber. Ich war so müde und erschöpft, dass ich mir nicht vorstellen konnte, jetzt so ein kleines Baby zu halten. Es war alles ein bißchen viel. Außerdem hatte ich ja noch ein Kind auf die Welt zu bringen.
Nachdem mein Sohn geboren war, hielten meine Hebamme und ein Arzt meinen Bauch: Meine Tochter lag in Beckenendlage und durfte sich - jetzt wo ihr Bruder heraussen war und sie viel Platz hatte - nicht drehen und quer legen; dann wäre eine vaginale Geburt nicht möglich. Das wusste ich vorher. Ich wurde nochmals an ein wehenförderndes Mittel angehängt und mir wurde klar gemacht, dass meine Tochter rasch auf die Welt kommen musste, ich also noch mal ordentlich pressen musste. Ich empfand die Situation einerseits als hektisch und angespannt und andererseits ließ ich Dinge mit mir geschehen. Und dann kamen wieder Wehen und ich presste. Der untere Teil des Bettes war abmontiert worden, und ich stützte mich mit einem Bein an einer Ärztin ab. Glücklicherweise war meine Tochter schon bei der Geburt ein knappes Kilo leichter als ihr Bruder und so hüpfte sie beinahe mit drei Wehen hinaus. Sie hüpfte in der Fruchtblase, ich vermute, meine Hübsche wollte sich einfach nicht schmutzig machen.
Auch sie wurde sofort dem Kinderarzt übergeben. Ich war nur müde und kraftlos und dann kam dieser schönste Moment: Mein Mann stand hinter mir, hielt beide Kinder in seinen Armen, schaute sie an (so verliebt wie er mich nie angesehen hat, ich werde niemals diesen Blick vergessen), schaute mich an und sagte: „Sie sind wunderschön“. Diesmal widersprach ich ihm nicht.

Irgendwann hielt auch ich diese beiden Kleinen. Ich kam mir unbeholfen vor, und alles war noch immer so irreal. Nachdem mein Mann heimgefahren war, wurde ich gewaschen und meine Hebamme brachte mir ein Käsebrot - wie gesagt, manchmal erinnere ich mich an so nebensächliche Dinge. Dass ich zwei Kinder hatte, habe ich zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht kapiert. Über mich kamen diese überwältigenden Gefühle im Zimmer, als sie so friedlich und so hübsch nebeneinander lagen, eingewickelt und mit ihren Hauben auf den kleinen Köpfen, und am Ende des Bettes ihre Namenschilder hingen. Ich war so erschöpft, ich hatte Schmerzen und ich konnte trotz aller Müdigkeit nicht aufhören, sie zu betrachten.