Buchcover Gebären ohne AberglaubeGebären ohne Aberglaube - Eine Fibel der Hebammenkunst

 
Autor: Alfred Rockenschaub
Lektorat: Ulrike Ploil
Herausgeberinnen: Verein Freier Hebammen

Eine fortschrittliche Hebammengeburtshilfe und die moderne Geburtsmedizin weisen einige grundsätzliche Unterschiede auf. Die Hebammengeburtshilfe geht vom Aspekt der Assistenz für eine besondere weibliche Leistung aus. Die Geburtsmedizin mitsamt ihren geburtspsychologischen Helfershelfern gehen von der Zerlegung aus (Anatomie, Analyse), die Hebammengeburtshilfe von der sozial zu integrierenden weiblichen Persönlichkeit.
Das Buch ist im Hebammenzentrum erhältlich.

Alfred Rockenschaub
geb. 1920 in Linz/Donau, 1939-45 Medizinstudium in Berlin, Erlangen, Innsbruck, Wien, 1945-65 Ausbildung in Pathologie, Pharmakologie, Endokrinologie, Chirurgie, Gynäkologie, Geburtshilfe, 1965-85 Leiter der Ignaz Semmelweis Frauenklinik der Stadt Wien, 1975-87 Leiter des Ludwig Boltzmann Institutes für Geburtenregelung und Schwangerenbetreuung, seit 1961 Dozent für Geburtshilfe/Gynäkologie an der Universität Wien, seit 1965 Lehrer an der Hebammenlehranstalt/Hebammenakademie in Wien. Wissenschaftliche Thematik: Hygienische Probleme und endokrinologische Gesichtspunkte in der Geburtshilfe.
 

Textausschnitt
 

1. Erbe der Vergangenheit: Entbindungstechnik
 

Im Altertum war die Hebammenkunst ein hoch angesehenes Metier, was in der römischen „Nobilitas obstetricum” beredten Ausdruck fand. Im Mittelalter verloren sich die Spuren der Hebammenkunst im Dunkel der Inquisition. Erst in der Renaissance begannen sich die Hebammen wieder auf die alte Kunst der „Nobilitas obstetricum” zu besinnen.
Der Aufbruch dauerte jedoch nicht lange. Denn die Hebammen, von den Ärzten gleichermaßen geringgeschätzt wie die Feldschere (Chirurgen), schlossen sich an diese an, wonach die Geburtshilfe alsbald in die Hände der Chirurgen kam und die Hebammenkunst, noch bevor sie sich von der mittelalterlichen Misere ganz erholte, bereits wieder anhob zu entarten. Mit der Einmischung der Wundärzte in die Geburt vor gut 300 Jahren verkam die Hebammenkunst zum Entbindungshandwerk. Dieses besteht bis heute in nichts anderem, als die Feten durch die Scheide oder eine Schnittöffnung des Bauches (Kaiserschnitt) mit wechselndem Geschick aus dem Mutterleib herauszuziehen. Was mit den Gebärenden im Allgemeinen getrieben wurde, war ein grausames Massaker, dem der hygienische und soziale Fortschritt nach und nach ein Ende machte.
Als es nicht mehr zu leugnen war, dass die tödlichen Komplikationen vornehmlich auf die Eingriffe und Operationen zurückzuführen waren, wurde man vorübergehend „konservativ”, das heißt, man überließ eine Zeitlang die Geburt weitgehend den Kräften der Natur. Dies änderte sich aber wieder, als 1893 zwei Syndrome beschrieben wurden, deren Risken man alsbald für bedenklicher erklärte als die handwerklichen Entbindungskünste. Das Eine dieser neuen Fährnisse bezeichnete man als Gestose, das Andere als drohende intrauterine Asphyxie. Anhand dieser neuen Syndrome begann man nun in schwungvoll zunehmendem Maße „Risikoschwangerschaften” zu diagnostizieren und diese vor der Zeit durch operative Eingriffe zu beenden. Doch infolge der sozialen und hygienischen Fortschritte wurden auch diese Indikationen immer rarer. Nach 1950 blieb auch von den neuen Indikationen nur mehr wenig übrig. Naturgemäß war parallel zur Abnahme des Risikos der Schwangerschaft auch das der Entbindungsoperationen wesentlich zurückgegangen. Man stand vor dem Dilemma, dass die operativen Entbindungskünste zwar als einigermaßen harmlos zu betrachten waren und doch nicht harmlos genug, um sie ganz ohne Indikation durchzuführen. So harmlos, um nach Gutdünken drauflosoperieren zu können, erwies sich also auch das moderne Entbindungshandwerk nicht. Was tun, um es zu propagieren, da doch, wie gesagt, die Indikationen weitgehend abhanden gekommen waren und für die alten Aktionisten nurmehr das dubiose Gespann von fetalem Distress und drohender intrauteriner Asphyxie übrigblieb? Da tauchte, fast in des Wortes wahrstem Sinne, ein Deus ex machina mit zwei Maschinen auf: in der einen Hand den Cardiotokographen (CTG), in der anderen Hand das Ultraschallgerät. Ob sie wirklich zu etwas nütze sind, weiß man bis heute nicht, und ob sie tatsächlich harmlos sind, weiß man auch nicht. Sie sind aber allerbestens dazu geeignet, um Indikationen für Entbindungsoperationen, vornehmlich die Kaiserschnitt-Entbindung wegen fetalen Distress, zu fingieren.
In Anbetracht der neuen Methoden gab man nun vor, die fetale Notlage beizeiten bestens erkennen, den Fetus aus seiner unwirtlichen Lage befreien und ihn außerhalb der Gebärmutter mit Hilfe der neumodernen Neugeborenenmedizin einer rosigen Aufzucht zuführen zu können. Die Müttersterblichkeit erklärte man als Maßstab der geburtshilflichen Leistung für nichtig und erhob eine gut manipulierbare Kombination der Kindersterblichkeit zum neuen Maßstab. Die Verantwortlichen der Gesundheitspolitik machen mit Hilfe der Justiz diesen Schwindel, der Abermillionen kostet, mit und liefern so Tausende Frauen ans Messer. Kein Wunder also, wenn der ordentliche Professor der Geburtshilfe in Wien - sofern man hier überhaupt von Geburtshilfe noch reden kann – kürzlich die "Vision” hatte, in Zukunft alle Frauen routinemäßig mit Kaiserschnitt zu entbinden.
In den letzten hundert Jahren sank die Sterblichkeit der Mütter und Säuglinge ebenso dramatisch wie deren Gesundheit besser wurde. Diese Erfolge, obwohl eine rein sozial-hygienische Errungenschaft, verstand das geburtsmedizinische Establishment in zweifellos sehr geschickter Weise ihrem Wirken zuzuschreiben. Es nahm allen Fortschritt, dem sie immer noch mehr im Wege steht als dienlich ist, impertinent für sich und ihr Entbindungshandwerk in Beschlag. Betrachtet man die Aktionen der Profession jedoch etwas genauer, ergibt sich nichts anderes, als dass nach wie vor die Operationsmethode gleich grob, die Indikationen gleich vage und die Therapie der Gestose und drohender Asphyxie nichts anderes als hilfloses Probieren sind. Das Entbindungshandwerk wird ohne Zweifel sehr erleichtert, wenn man die Gebärende ins Bett befördert und im Liegen niederkommen läßt. Um auch die Hebammen für die Geburt im Liegen anzuwerben, erhob man das „Leibhalten” der alten Hebammen zum Dammschutz. Damit fand man bei allen jenen Hebammen Gefallen, die sich bei der Geburt unentwegt am Genitale der Gebärenden zu schaffen machen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Solche Hebammen gibt es immer noch zur Genüge. Die Dammschutztechnik, wie sie üblicherweise in den Lehrbüchern und in der Praxis weitergegeben wird, ist viel mehr geeignet einen Dammriss zu erzeugen als zu verhindern. Mit der lehrbuchmäßigen Technik wird nämlich der kindliche Kopf vorzeitig zur Deflexion gebracht und so mit einem größeren Durchmesser, als es von Natur geschähe, über den Damm gehebelt. So wurde denn der drohende Dammriss und die Indikation zur Episiotomie vielfach unvermeidlich beziehungsweise zur Routine. Der Deal setzte sich durch, denn er war ungemein bequem. Alles war schematisierbar, vom Intervall der Schwangerschaftskontrollen über die Programmierung der Geburt bis zu den Bestellungen der Babies zur Flaschenfütterung und Neuverpackung. Letztlich ließ sich die Arbeit und ihr Horizont noch weiter reduzieren, indem man das Horchen und das Tasten durch das Deuten elektronischer Aufzeichnungen ersetzte. Der apparative Monitor wurde zum Mittel des Kontaktes, sein Orakel zur Vorschrift der Behandlung. Gar manche Hebamme fand sich bereit, für den Deal ihre geburtshilfliche Tätigkeit auf den Geburtsvorgang zu reduzieren und im Spital als Kreißsaal-Hebamme und sonst nichts zu dienen. Die viel wesentlicheren geburtshilflichen Tätigkeiten in der Ambulanz und auf den Stationen überließen sie dem Dilettantismus der Krankenschwestern und der Kinderschwestern. Die Schwangerenbetreuung entartete zur Krankenpflege, das Stillen zur Babyfütterungsmechanik.
 

2. Bilanz der Gegenwart: Dilettantismus
 

Wer die Entwicklung der Geburtshilfe ohne medizinische Vermessenheit betrachtet, sieht den Grund für die drastische Senkung der Mütter- und Säuglingssterblichkeit in den enormen sozialen und hygienischen Errungenschaften und findet wenig, was die Geburtsmedizin zu diesen Fortschritten beigetragen haben könnte. Diese besteht nach wie vor in nichts anderem, als den Fetus unter der Vorgabe fiktiver Risken frühzeitig aus dem Mutterleib herauszuziehen. Geändert hat sich nur, dass man früher das Kind möglichst nur durch die Scheide extrahierte und man es heute in gut der Hälfte der Fälle per Kaiserschnitt tut. Dass diese mütterliche Verstümmelung heutzutage relativ wenig Unheil stiftet, ist wieder nur den sozialen und hygienischen Fortschritten sowie der Tatsache zu verdanken, dass es zur Kaiserschnittsoperation keiner besonderen chirurgischen Geschicklichkeit bedarf. Um den medikamentösen Teil in der geburtsmedizinischen Therapie ist es nicht besser bestellt. Die Behandlung der Anomalien, die mit der Schwangerschaft und Geburt in einen direkten Zusammenhang gebracht werden, sind nicht viel fortschrittlicher als vor 100 Jahren und so enden auch diese größtenteils in einer der Entbindungsoperationen. Begründet werden diese Tätigkeiten stets mit der nie überprüfbaren Behauptung, dass Mutter und/oder Kind sonst gefährdet gewesen wären. Im Gegensatz dazu ergeben sich in adäquat großen und vergleichbaren Kollektiven bei konsequentem Weglassen geburtsmedizinischer Methoden durchwegs signifikant bessere Resultate und der Schluss: „Dort, wo es viele Ärzte gibt, ist auch die Säuglingssterblichkeit höher”. Um die experimentelle Chirurgie an der Gebärenden zu rechtfertigen, wurden Berge von Publikationen verfaßt, in denen mit Eigenlob nicht gespart wird. Nun wird aber auch immer mehr publik, dass das Handwerk zwar für die Ärzte einen goldenen Boden hat, bei deren Probandinnen aber mehr oder weniger zu psychosomatischen Verstümmelungen führt.
Als sich die Klagen der Probandinnen auch in finanzieller Hinsicht, nämlich in Form von Schadenersatz, nachteilig auszuwirken begannen, holte man zur Schadensbegrenzung allerlei Hilfstruppen herbei. So stürzten sich nun alle möglichen Experten und Expertinnen aller nur denkbaren psychotherapeutischen und physiotherapeutischen Lager mit Feuereifer ins Gefecht, hatten aber und erwarben sich auch nicht das geringste geburtshilfliche Wissen. Dafür kamen sie desto schneller überein, die Hebammenkunst als zweitrangig zu betrachten.
Die Kluft zwischen Hebammenkunst und universitärer Betreuungstechnik wurde erwartungsgemäß nicht kleiner, sondern größer. Was soll denn auch eine Hebamme von einer Psychologin halten, die den Patientinnen erzählt, dass sie vor der Geburt keine Angst zu haben brauchen, aber ins Stottern kommt, wenn sie erklären soll, warum nicht? Was soll sie von einem Physiotherapeuten halten, der nicht einmal annähernd nachvollziehen kann, was ein junges Mädchen fertigbringt, so es sich gezwungen sieht, seine Schwangerschaft zu verheimlichen, irgendwo in einer Ecke unbemerkt zu gebären und das Kind unerkannt wegzulegen?
So gehen nach wie vor die Methoden der Betreuung der Frau im Verlauf von Schwanger-schaft, Geburt, Wochenbett und Stillen getrennt in zwei Richtungen: in die sozio- und biologisch ausgerichtete Geburtshilfe auf der einen und in die techno-logisch ausgerichtete Geburtsmedizin samt psychosomatischen Zusatztechnologien auf der anderen Seite. Die Notwendigkeit der Zusammenarbeit wird zwar oft zitiert, blieb aber bisher illusorisch. Die kritische Hebamme kennt oder ahnt nur allzu gut den Hinterhalt und steht dem Handel skeptisch gegenüber. Denn die andere Seite vermag ihre Herablassung nur mühsam zu verdrängen. Die Hebamme, die ihre Kunst beherrscht, steht nun zweifellos unter dem massiven Druck von Seiten der geburtsmedizinischen Scharlatane. Dazu kommt, dass viele ihrer Berufskolleginnen schon weitgehend dem geburtsmedizinischen Schematismus unterliegen und für Hebammenkunst kein Gespür mehr haben, dafür aber an Anmaßung nichts offen lassen. Manches bei Gericht gegen Hebammen abgegebene Gutachten gibt davon Zeugnis. Da Personen dieser Prägung ob ihrer unbändigen Beredsamkeit in den Hebammengremien oft das große Wort zu führen pflegen, bilden sie für den geburtshilflichen Fortschritt ein grobes Handicap. Die Kluft zwischen Hebammenkunst und Geburtsmedizin mit all ihrem trügerischen Zubehör ist größer, als man wahrhaben will, und liegt in dem Dilettantismus, von dem die Hebammenkunst überschattet wird. Vom Aspekt der Geburtshilfe als Kunst ist schon die Geburtsmedizin als eine Art von geburtshilflichem Dilettantismus anzusehen. Zu oft findet man hier im Flickwerk fiktiver Regeln und Regelwidrigkeiten die Grenzen zwischen Norm und Anomalie nicht mehr und flüchtet sich ins technologische Monitoring und Vieloperieren. Das Expertentum im psychotherapeutischen und physiotherapeutischen Bereich verkennt vor lauter Mitteilsamkeit von Kraft und Seele die Frau als Patientin und macht sie zur Klientin (Hörigen), eine hinsichtlich des Unterschieds der Einstellung interessante sprachliche Modifizie-rung.
Um in dieser vom geburtsmedizinischen Geschäft überschatteten Szene die innere Sicherheit zu bewahren, ist es wichtig, die Szene immer wieder zu durchleuchten: Müttertodesfälle und mütterliche Fährnisse entstehen im Zusammenhang mit der Geburt heute praktisch nur mehr in der Folge von Komplikationen bei Entbindungsoperationen oder bereits vor der Schwangerschaft bestehenden Erkrankungen. Macht man sich die Mühe, die Schwangeren auf natürliche Geburten einzustellen, bedarf es in je 100 Geburten eines Kaiserschnittes, zweier Extraktionen und einiger Episiotomien. Wie kommt es nun, dass in den modernen Gebärkliniken die Frequenz der Kaiserschnitt- und Zangenentbindungen zwischen 20% und 50% beträgt? Mehr als 90% dieser Operationen erfolgen aufgrund der Annahme oder Vorgabe einer kindlichen Indikation. Oft wird zur Unterstützung der vagen kindlichen eine ebenso vage mütterliche Indikation beigefügt. Alle diese Indikationen sind so vage, dass jene, die sich ihrer nicht bedienen, die besseren Resultate aufzuweisen haben. Wieso?
Auf der einen Seite ist das Schicksal tatsächlich gefährdeter Kinder durch eine Kaiserschnitt-Entbindung kaum einmal zu beeinflussen. Denn entweder sind die als gefährdet eingestuften Kinder so wohlauf, dass ein Kaiserschnitt nicht notwendig gewesen wäre; oder sie sterben so unvermittelt ab, dass sie bereits tot sind, bevor der Kaiserschnitt vollziehbar ist. Da ein Kind, das eine Schnittentbindung überlebt, nicht gefährdet war und ein toter Fetus diese ausschließt, ist der Kaiserschnitt aus fetaler Indikation eine hinfällige Rettungsaktion. Auf der anderen Seite bringt die Kaiserschnitt-Entbindung an sich für das Kind zwei beachtliche Nachteile mit sich: Erstens ergibt bei der allgemein üblichen Technik der Schnitt im Uterus eine Öffnung, deren Durchmesser 9cm kaum überschreitet, sodass der Durchtritt des Kopfes keineswegs als schonend betrachtet werden kann. Zweitens ist die vor dem Kaiserschnitt stattfindende Wehentätigkeit oft viel zu kurz, als dass eine entsprechende Umstellung des fetalen Anpassungssystems für die neo-natalen Erfordernisse gewährleistet wäre.
Während also auf der einen Seite wirklich bedrohte Kinder durch eine Kaiserschnitt-Entbindung kaum einmal zu „retten” sind, bringt auf der anderen Seite die Kaiserschnitt-Entbindung an sich auch für das Kind ernst zu nehmende Nachteile mit sich. Beim derzeitigen Stand unseres Wissens stellen die Fehldiagnosen und fetalen Belastungen durch die Kaiserschnitt-Entbindung hinsichtlich des Säuglingstodes ein höheres Risiko dar als die Gefahren, die man mit ihnen zu beheben vorgibt. In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass – im Gegensatz zur Säuglingssterblichkeit – die Rate der hirngeschädigten Neugeborenen trotz (oder wegen?) der hohen Frequenz an Kaiserschnitt-Entbindungen auf gleicher Höhe blieb. Wie es wohl nicht anders zu erwarten ist, werden solche Aspekte vom geburtsmedizinischen Establishment als absurd zurückgewiesen. Denn immerhin bringt seine Methodik, wie die Verteilung der Geburten auf die Wochentage und Honorarbilanzen der Versicherungen zeigen, einen beträchtlichen Gewinn an Zeit und Geld. Ohne Skrupel machte man aus natürlichen Prozessen geburtsmedizinische Probleme. So sehen wir uns heute einem aus pseudowissenschaftlichen Risikogespinsten gewobenen Aberglauben einer leichtgläubigen Gesellschaft gegenüber, welche dem sorglosen Vollzug bedenklicher Entbindungsoperationen mehr Vertrauen und Bewunderung entgegenbringt als der natürlichen Geburt mit ihren erkennbaren und daher meistens harmlosen Imponderabilien.
 

3. Aspekte der Zukunft: Neubeginn
 

So kommt es nun, dass Hebammen, die sich auf ihre Kunst verstehen und denen für Kaiserschnitt-Entbindungen aus mütterlicher Indikation ein verläßlicher Chirurg zur Seite steht, signifikant bessere Ergebnisse erzielen als all die Kaiserschnittliebhaber moderner Frauenkliniken. Wenn wir wieder zu einer guten Geburtshilfe gelangen wollten, müßten wir dort anknüpfen, wo wir bereits waren, bevor die „Geburtsmedizin” kreiert und modern wurde. So ein Neubeginn wäre jedoch nicht neu und insbesondere in Wien nicht ohne großes Vorbild. Der letzte Neubeginn der Geburtshilfe erfolgte 1789 in Wien und bestimmte diese bis 1965. Erst dann kam die Ära der jetzt modernen Geburtsmedizin.
Die Wurzeln der Geburtshilfe in Wien gehen auf keine geringeren als Johann Lukas Boer und Ignaz Philipp Semmelweis zurück, die Wurzeln der Geburtsmedizin auf deren größte Gegner. Mit berechtigtem Stolz meinte Boer, er habe da begonnen, wo es noch keine Geburtshilfe gab. Im 1.Band der „Abhandlungen und Versuche geburtshülflichen Inhalts” sagte er zur Geschichte der Geburtshilfe: „Aberglaube und Vorurteil bildeten den Hemmschuh für die Entwicklung dieser Disziplin...". Was man vor Boer unter Geburtshilfe verstand, schildert der Chronist in folgender Weise: „Jede natürliche Lage, deren Geburt sich nicht in 6-8 Stunden vollzog, ... sich nicht nach dem künstlich konstruierten Typus ... einstellte, ... gab dazu Veranlassung, ... einzugehen ... und den ganzen Apparat stumpfer und spitzer Werkzeuge erbarmungslos in Aktion treten zu lassen.” Boer selbst sagte dazu, „daß man hätte meinen können, die Natur habe ihr Geschäft der Gebärung aufgegeben und solches dem Werkzeuge des Geburtshelfers überlassen.” Denkt man sich nun anstatt des „künstlich konstruierten Typus” das CTG und die „Werkzeuge” etwas raffinierter, haben wir die Geburtsmedizin moderner Prägung vor uns. „Boer als Stifter der neuesten auf Beobachtung der Natur gegründeten Schule” genoss international höchstes Ansehen und man meinte vor 200 Jahren, dass nun „der Zauber der operationslustigen Entbindungskunst ein für allemal gebrochen war". Welcher fortschrittliche Zeitgenosse sollte damals denn auch ahnen können, dass sich der ganze Zauber in der nicht weniger operationslustigen Geburtsmedizin der Westlichen Welt wiederholen würde. Die Geschichte der Wiener Schule zeigt nur allzu deutlich, dass sich die Nutznießer des Entbindungshandwerks nie für wahre Geburtshilfe interessierten. Auch die Frauenkliniken der Wiener Universität von heute ziehen das Entbindungshandwerk vor. Wer nun diese Art universitärer Wissenschaft kritisch sichtet, wird kaum mehr Zweifel haben, dass in der Geburtshilfe ein Neubeginn vonnöten ist. Geburtshilfe ist eine Kunst und zugleich eine soziale Wissenschaft. Grundlage dieser Wissenschaft ist Psychosomatik, die ganzheitliche Betrachtung der biotischen und pathischen Probleme der menschlichen Natur. Sie hat in der Geburtshilfe eine uralte Tradition. Sie ist die Kunst, Körper (Soma) und Seele (Psyche) zu korrelieren und bedarf biologischen Wissens und der Gabe, dieses Wissensgut in sozialer Weise gewis-senhaft in Anwendung zu bringen, also in Können umzusetzen. Psychosomatik setzt einen unablässigen Lernprozess voraus, sowohl von Seiten der Betreuerin als auch der Betreuten. Die Betreuung ist vor allem ein didaktisches Problem. Denn eine Therapie kommt nur optimal zur Wirkung, wenn sie so vermittelt wird, dass sie auch der Betreuten selbstverständlich wird. Wer es nicht lernt, Wissen verständlich zu vermitteln, verfehlt das angestrebte Ziel der Therapie und verfällt eventuell bald den Versuchungen von Scharlatanerie und Aberglauben, des eigenen gelehrten und des natürlichen Aberglaubens der Patientin.
Die modernen Mediziner kümmern sich nur wenig um die Psyche, während die modernen Psychologen vom Soma höchst kümmerliche Begriffe haben. Im Schatten eines leidigen Gezänks zwischen den somatologischen und den psychologischen Halb-Experten bzw. -Expertinnen fristet die geburtshilfliche Psychosomatik ein kümmerliches Dasein. Was sich all die Fachkundigen der Medizin und Psychologie feindselig entgegenhalten, ist lückenlos richtig, was sie über sich selber sagen, lückenlose Selbstanbetung. Was im Gesundheitswesen der westlichen Welt zur Zeit Psychosomatik heißt, ist nichts anderes als ein Gemenge aus leerem medizinischem Management und blinder psychologischer Supervision. Hebammenkunst oder Entbindungstechnologie? Geburtshilfliches Know-how oder Entbindungshandwerk? Das ist die Frage. Ist die Frau eine menschliche Persönlich-keit, der man bei der Gestaltung eines neuen menschlichen Wesens beizustehen hat? Oder ist sie nur mehr so etwas wie das „missing link” im Fließband einer Reproduktionsmaschinerie, mit der man lebendige Puppen produziert? Die Ansätze der modernen Medizin gehen durchwegs in diese Richtung. Besamungstechnologie und die Perinataltechnologie heißen die geburtsmedizinischen Trugbilder der Westlichen Welt am Ende des zweiten Jahrtausends. Manche der Adepten der geburtsmediznischen „High-Technology” gehen nun schon so weit, für alle Frauen generell die Kaiserschnitt-Entbindung vorzuschlagen. Wer hier etwas zum Besseren wenden will, fängt (wieder einmal) dort an, wo es keine Geburtshilfe (mehr) gab. Es hieße die Hebammenkunst und ihre Pflege neu zu gestalten und einen Neubeginn herbeizuführen. Geburtshilfe wäre vom Aspekt einer Synthese aus Biologie und Hygiene neu zu konzipieren, wobei aus dieser Sicht im Leben auch die Psyche und in der Hygiene die Heilkunst mit inbegriffen sind. Um einer solchen Neuordnung gerecht zu werden, wären Aus- und Fortbildung der Hebammen von geburtsmedizinischer Indoktrination freizuhalten und der Lehre an den Hebammen-Akademien in dieser Hinsicht besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Der Lehrkörper wäre neu zu konstituieren und die Lehrpläne wären auf den sozialen und hygienischen Fortschritt sowie die Normen und Anomalien der Fortpflanzung abzustimmen – anstatt wie bisher auf die zweifelhaften geburtsmedizinischen Regeln und Regelwidrigkeiten. Es hieße, einer frauenfreundlichen Geburtshilfe den Weg zu ebnen. Es geht um Gebären ohne Aberglauben.