Einladung 24 Stunden rund um Geburt24 Stunden im Rückblick"


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„...Eigentlich ist es das, was in der beschleunigten Welt von heute wahrhaft anachronistisch ist. Die in der Langsamkeit lauernde Möglichkeit einer intensiven Anwesenheit um die der Mensch meist gerade durch die Schnelligkeit gebracht wird, ist unzeitgemäß geworden. Nicht der schnelle Mensch ist es, der diese Intensität verfehlt, sondern die beschleunigte Zivilisation."

„24 Stunden rund um Geburt" - eine wahrhaft gelungene Veranstaltung im Sinne einer intensiven Anwesenheit, um zusehends außer Zeit und Raum zu gelangen - unzeitgemäße, wünschenswerte Zustände beim Gebären.

Am 17. und 18. September feierten an die 300 BesucherInnen während 24 Stunden gemeinsam mit den VeranstalterInnen Hebammenzentrum und Nanaya ein Fest der sinnlichen Langsamkeit.

Inhaltlichen Vorträge zum Thema Geburt und Zeit gepaart mit einem harmonisch abgestimmten Kulturprogramm machten den besonderen Reiz der Veranstaltung aus:

Fr. 14:00. Azurblauer Himmel, ein Altweibersommertag wie aus dem Bilderbuch - die Veranstaltung kann beginnen. Nach und nach sammeln sich schwangere Frauen, Väter, Familien mit Kindern, Hebammen, bekannte und unbekannte Gesichter im Ega in der Windmühlgasse.
Für Essen und Trinken ist gesorgt. Herwig, Besitzer des „Cafe der Provinz", bereitet im Hof süße und saure Crèpes. Die Veranstalterinnen verkaufen an der Bar Getränke und von Mitarbeiterinnen gespendete Köstlichkeiten. Um in den Hof zu gelangen, passiert man die Lounge, in der bildende Künstlerinnen ihre Sichtweise zum Thema „24 Stunden" präsentieren.
Nabelschnüre trocknen sich in die Welt, Schöne Bäuche, Seelenhaut, Götter in Weiß, Conditio humana, Tanzende Frau - einige Titel der Ausstellungsstücke. Die Arbeiten wurden uns zum Großteil von Künstlerinnen und Künstlern, die von Hebammen bei Hausgeburten betreut wurden, zu Verfügung gestellt.
15:00 - Die Performance von Cynthia Schwertsik zieht die BesucherInnen vom Hof in den Vortragssaal und macht sie aufmerksam für den ersten Vortrag von Verena Schmid, Hebammendirektorin aus Florenz. Der Saal im Ega ist bis nun bis zum letzten Platz gefüllt.
Zeitgleich schlüpft Bea Schrader in ihren um zwei Säulen gesponnenen Kokon, um während 24 Stunden als Fötus präsent zu sein. Sie nimmt, gleich einem Kind im Mutterleib, Stimmung und Gefühle auf und macht sie fürs Publikum transparent.

Der Schmerz als Geburtshelfer
Schmerz ist ein zentraler Aspekt, einschneidend und gefürchtet bei der physiologischen Geburt. Nach Werten und Interpretation unserer Wohlstandsgesellschaft ist er überflüssig und sinnlos. Zusammen mit der Überflüssigkeit des Geburtsschmerzes ist das Gebären selbst überflüssig geworden, der Kaiserschnitt nimmt überhand (in Italien 32%, in Süditalien 54%), er erscheint als eine saubere, schmerzlose, mühelose Geburt. Von dieser sozialen Einstellung wird die Information durch die Massenmedien gefärbt und die Frauen werden weiterhin getäuscht und belogen. Für eine schwangere Frau ist es heute sehr schwierig, sich für den Geburtsschmerz zu entscheiden und ihn aktiv anzunehmen. Häufig ist die Haltung zurückhaltend oder in Verteidigung.
Nach diesem Vortrag zieht es einige Menschen in den Hof, um sich zu stärken, andere ans Buffet; ein Kommen und Gehen - wehenartig. Kinder jonglieren Bälle und Tücher, sie werden geschminkt und genießen das Kinderprogramm von Bumfidl. Buntes Treiben, kindliche Ausgelassenheit draußen - von den KünstlerInnen vom Publikum ausgebetene Stille im Saal. Clemens Zeilinger - Klavier, Bernhard Zachhuber - Klarinette, Edda Breit - Violoncello spielen Beethoven. Ingeborg Rosegger-Rott und neun Frauen singen: laut - leise, ausgelassen - konzentriert - ein Fest der Geburt.

Musikalische Gedanken zum Thema „Väter" von Lorenz Raab -Trompete leiten über zum nächsten Vortrag: 17:00 „Die Geburt der Väter"
Ass.Prof.Mag Dr.Harald Werneck
In Zusammenhang mit der Geburt wird in den letzten Jahren neben den Perspektiven und Rollen der beiden „Hauptakteure" - Mutter und Kind - auch zunehmend das Erleben und Verhalten der Väter diskutiert.
In dem Vortrag werden einige (der nach wie vor relativ spärlichen) Befunde darüber referiert, wie Väter dieses Ereignis erleben, wie sie sich in der ersten Zeit danach verhalten, worauf sich ihre ersten Gedanken beim Anblick des Babys beziehen, inwiefern bzw. woraus sich Probleme für die Väter ergeben können, wie sehr bzw. welche positiven Empfindungen typischerweise angegeben werden.
Gerade die allererste Zeit nach der Geburt erweist sich dabei immer wieder als wegweisend und auch prädiktiv für die Qualität der späteren Vater-Kind-Interaktionen, aber auch für die elterliche Partnerschaftsqualität und somit wiederum indirekt für die kindliche Entwicklung.

Die Blicke der Anwesenden und Neukommenden treffen immer wieder auf den Fötus im Kokon. Was tut Fötus? Schlafen? Wachen? Innehalten? ....aber die Präsenz ist nie aufdringlich. Es ist eben so wie bei einer Schwangerschaft, dass frau stundenlang auf Fötus vergessen kann, nicht daran denkt, um ihm im darauffolgenden Moment sofort mit all ihren Gedanken intensiv nahe zu sein.

Nach dem Vätervortrag wissen und spüren wir, die Veranstalterinnen, es läuft wunderbar. Die Mitarbeiterinnen am Infotisch leisten gute Organisationsarbeit. Frauen, Männer und Familien die diesen Stützpunkt in der Lounge passieren, erfahren die zur Zeit laufenden Vorträge und werden über das vielfältige Rahmenprogramm informiert. Frauen tragen sich in Listen ein, um ihre schwangeren Bäuche gipsen und bemalen zu lassen oder sich eine Massage zu gönnen. Das Publikum wechselt um diese Zeit. Es ist Freitag 18:00 - später Nachmittag, beginnender Abend. Neue Gesichter erscheinen und sind gespannt auf das Kommende. Das Ega ist nach wie vor gut besucht. Im Hof, der bei dieser Veranstaltung eine zentrale Rolle spielt, gleich einem Dorfplatz bei einem Fest, hat sich der Frauenchor mit einer Flasche Rotwein um einen Tisch niedergelassen, um zu singen.
Die Angespanntheit des Vormittags hat sich mittlerweile verflüchtigt, wir selbst können nun auch genießen und mitfeiern.

Es dämmert, in der Lounge beginnt die Vernissage. Das Thema Geburt und Zeit wird dort mit vielen Sinnen beleuchtet. Musik - Mozart für Flöte, Violine, Viola und Violoncello, bildnerische und darstellende Kunst - Sehen, Hören, Fühlen, Tasten, Erleben - gleich wie beim Geburtsgeschehen fügt sich eins in andere - öffnet uns.

Und diese Stimmung, dieses geöffnet werden, die Sinnesfreuden fließen wie ein roter Faden durch 24 Stunden rund um Geburt.
Prof. Wolf Lütje hält einen poetischen Vortrag über das zeitlose Gebären: Die Dauer gilt heute als Hauptbelastungsfaktor bei der Geburt. Zu schnelle Geburten können genau so Kontrollverlust bedeuten wie die Endlosigkeit langer Verläufe. Das Zeitempfinden im Kontext von Erschöpfung, Schmerz und Angst ist subjektiv und ein Spiegel von Motivation, Belastbarkeit, Lust, Bindung und Kohärenzgefühl. Von außen beeinflussen Kontinuität, Beteiligung, Beziehung und Betreuung den Rhythmus und das Zeitmaß der Geburt. Ungeduld und Fremdinteressen in schnelllebiger Zeit bringen die Geburt zunehmend aus dem Takt.
In diesem Vortrag geht es um das Thema Zeit rund um die Geburt: Es geht um das rechte Maß an Beschleunigung und Entschleunigung, um die Wiederentdeckung der Chance vor dem Risiko sowie eine Renaissance des Prinzips der Langsamkeit als Grundlage für Achtsamkeit gegenüber dem „zeitlosen" Wunder und Geheimnis der Geburt. Wichtige Lebensübergänge sind Prozesse und kein Bruch. Nur im Prozess vollzieht sich Anpassung und Entwicklung. Die Frage nach dem Traum oder dem Trauma der Geburt ist auch oft eine Frage von Zeit und Raum: Dieser muss angemessen sein - heute mehr denn je!

Am Ende des Vortrags meldet sich eine sichtlich emotional berührte Frau aus dem Publikum zu Wort. Sie berichtet über das Trauma ihrer ersten Geburt, die seelische Verletzung, ein nicht verwundener Kaiserschnitt bis zum Zeitpunkt der zweiten Geburt, die ihr eine Versöhnung mit ihrem Körper ermöglicht - es wurde ihr Zeit, ihre Zeit, gelassen zu gebären.

Wieder ein Blick auf den Kokon....Alles in Ordnung....

Das Abendprogramm wird mit der Bauchtanzgruppe von Melitta Frauendorfer eröffnet. Begeisterter Beifall, Mittanzen und Wiegen - orientalische Stimmung im Raum.
Eine gänzlich andere Darbietung folgt mit der Performance „Eier - Tango für vier Hühner"
Barbara Schwiglhofer, Jacinta Zimmermann, Claudia Wagner, Martina Polleros:
rationalisierung, stress, entsozialisierung, vereinsamung und uneingeschränktes JA-sagen zu allem, was von „BIG BROTHER" befohlen wird...
schlagworte - aber alltag unserer protagonistinnen, die ihrer legebatterie anscheinend nicht entkommen können... aber es gibt einen schlupfwinkel, eine phantasie, lebendige herzen und ein lautes NEIN, das - so hoffen wir - die entfiederten damen zu einem ausweg führt.
Eine originelle Inszenierung, die den Schauspielerinnen sichtlich Spaß machte, kommt auch beim Publikum ganz groß an. 22:00 Langsam verlassen die meisten Familien mit Kleinkindern und Babys die 24 Stunden, sie haben lange durchgehalten und mitgefeiert .....
„Musik am Abend ", Klassik dargeboten von Hartmut Pascher und Edda Breit, bringt Stille in die Nacht, ein wenig Ruhe und Pause vor dem Konzert von Sigi Finkel und Mamadou Diabate.
„Und was macht der Fötus?" Zur Zeit wach.....
In der Lounge verweilen Grüppchen von Menschen, nehmen Abschied, aber trennen sich schwer. Neue kommen zum Konzert. Im Sitzen tänzelnd, lauschend, fasziniert genießen wir die Musik von Sigi und Mamadou, einer gefühlvoll improvisierend dem fröhlichen, schnellen Balaphon von Mamadou zuspielend, ergänzend, erweiternd, zu zweit mehr als das doppelte, das Neue kreiert sich aus der Beziehung und dem Miteinander. Schön, unspektakulär berührend.
Ja, und das Abendprogramm ist noch nicht vorbei: Mit Spannung erwarten wir den Auftritt der Butohtänzerinnen, sie nähern sich ganz langsam mit kleinen Lichtern in der Hand, weiß bemalt am ganzen Körper, der Bühne und zeigen uns ihre Vorstellung von Geburt, wild, schnell, ruhig, intensiv.
Der Vortragssaal und die Bar werden geschlossen, nun stellt sich heraus, dass wider Erwarten, 30 Personen mit uns die Nacht verbringen werden. ...auch Bea Schrader im Kokon.
Wunderbar!

Die roten Liebesjapos, Decken, Pölster und Schlafsäcke werden in zwei Räumen aufgebreitet und das Programm wird im kleinen Rahmen fortgesetzt. Öffnet man die Tür zu einem Raum, fühlt man sich in Kindheitstage zurückversetzt. „Wiegenlieder" - Johanna von der Decken, Christie Riedl und Lorenz Raab. Im Raum verbreitet sich eine feierliche, ja andächtige Stimmung - ähnlich dem Weihnachtsabend - es fehlt nur der Christbaum. Wir werden müde und würden am liebsten einschlafen.
Reginas Tee...... und Geburtsberichte, vorgelesen von zwei Frauen, machen uns noch einmal munter. Die Lesung von Dorothea Wettstein „Pornokratie" beendet das Wachen und wir gleiten schon manchmal während der Lesung über ins Schlafen. Es ist fünf Uhr - ein Gedankenfetzen; und was wird Fötus machen?
Um 7:00 beginnt der Tag und das emsige Schaffen fürs Frühstück. Unausgeschlafen räumen wir den Mist des Vortags weg, doch schon verbreitet der Kaffeegeruch und die Lieferung frischer Weckerl und Semmeln gute Laune. Gemeinsames Frühstück mit denen, die durchgehalten haben, der kleinste von ihnen, Leonhard, ist eineinhalb Jahre.
Der Fötus ist präsent. Er bewegt sich noch...
Um 9:00 ist alles für den Brunch fertig, es fehlen nur die BesucherInnen, aber sie tröpfeln langsam ein, Sonntag 9:00 doch zu früh zum Frühstücken......Die Jazzmusik gespielt von Lorenz Raab, Uli Soyka und Oliver Steger lässt uns die Müdigkeit vergessen und mitswingen.
Um 10:00, das Ega ist wieder ganz schön voll geworden, beginnt Bea Schrader zu schlüpfen, Lorenz Raab improvisiert auf der Trompete.
Alle Augenpaare sind auf den Fötus gerichtet und halten den Atem an, niemand schaut weg, Anspannung - wie wird geboren, ausgebrochen? Es wird sichtbar: Geburt ist eine anstrengende, nicht absehbare Sache, was kommt zuerst, welcher Widerstand erwartet Fötus, was fühlt er im Moment, will er raus oder nicht - voranschreiten - Rückzug? Alles hängt letztlich an einem Faden - Grenzgang - spürbar; der Kopf ist geboren und dann ..., geschafft - ausgebrochen - hergekommen .... Beifallsstürme für Bea Schrader und ihre Performance. Danke!

Im Elterprojekt wird von Regina Pamperl, einer engagierten Mutter und Hausgeburtsbefürworterin, vorgestellt, welche Visionen für die nächsten Jahre zur Förderung der Hausgeburt in Österreich entwickelt wurden.
Der Abschluss und ein weiterer ein Höhepunkt dieser Veranstaltung ist der Vortrag von Prof. Marsden Wagner „Whose body is it?":
Er hält ein Plädoyer für die hebammenbetreute Geburtshilfe und unterstreicht die Wichtigkeit einer 1:1 Betreuung. Frauen sollen gestärkt mit einer großen Portion Selbstbewusstsein in die Geburt gehen und spüren, dass sie es sind, die die zentrale Rolle im Geburtsgeschehen einnehmen. „... Die Frau hingegen zu respektieren als wichtigen und wertvollen Menschen und sicherzustellen, dass ihre Erfahrung während der Geburt erfüllend und Kraft spendend ist, ist nicht einfach ein nettes Extra, es ist absolut essenziell, denn es stärkt die Frauen und damit die Gesellschaft. Menschenwürdige Geburtshilfe bedeutet, die gebärende Frau in den Mittelpunkt zu stellen und ihr die Kontrolle zu überlassen, sodass sie und nicht die Ärzte oder sonst jemand die Entscheidungen darüber trifft, was passieren wird."

Mit diesen positive Worten des ehemaligen WHO-Officers wurden unsere 24 Stunden rund um Geburt offiziell beendet, abgerundet und gleichzeitig genau das betont, was wir mit dieser Veranstaltung zeigen wollten.

Danke an alle, die geholfen, organisiert, betreut, performed, musiziert, gemalt, gegipst, fotografiert, an unbeachteten Plätzen agiert, Technik eingestellt, mit festen Beinen und offenem Blick stundenlang hinter der Bar bedient, moderiert oder vorgetragen haben, und allen, die gekommen sind um zu genießen, Neues zu hören, FreundInnen zu treffen. Ein besonderer, respektvoller Umgang miteinander und Gutmütigkeit gegenüber allem Ungeplanten, Chaotischen wurde gezeigt. Wie schön!